„Sie Arschloch“

Es ist soweit!… und ich freue mich so darüber… im Sommer darf ich (endlich einmal wieder) einen (diesmal im akademischen Umfeld) Online-Kurs abhalten.

Spontan stellt sich mir jedoch folgende Frage:

Siezen oder Duzen?

Mein Bauchgefühl sagt mir: Das Du anbieten! Immerhin ist es mir ja auch eine große Freude im Web 2.0 auf (zumindest für mich gefühlter) Augenhöhe mit Größen wie z.B. @jeanpol, @heinz, @peterpur zusammenarbeiten zu können. Da das Web 2.0 nun einmal meine Welt ist, ist dieser Umgang für mich die Welt.

Ein zweiter Aspekt ist derjenige, dass Studentin sein für mich eine geistige Haltung ist. Nur weil ich zufällig den Kurs koordinieren, heisst das noch lange nicht, dass ich nicht ständig lerne, in Aspekten weniger weiss als die Teilnehmer und Teilnehmerinnen, dass ich grundsätzlich in einer anderen Lage als derjenige wäre, lernen zu wollen. Ich bin und bleibe (auch) Studentin.

Es spricht dagegen…
… dass es von der Insitution her anscheinend einfach nicht üblich ist. Web 2.0-Art es zu tun und institutionelle Art es zu tun stehen sich in diesem Falle einfach diametral gegenüber.

Was spricht noch dagegen?

Dagegen spricht weiterhin meine Erfahrung an meinem derzeitigen Arbeitsplatz. Hier wird sich, da wir ja eine Gewerkschaft sind, traditionell untereinander geduzt. Das bedeutet jedoch m.E. eben mitnichten, dass wir alle auf Augenhöhe zusammenarbeiten. Vielmehr verschleiert diese Art des Umgangs miteinander ab und an sogar die bestehenden Hierarchie- und Machtverhältnissse. Das Duzen wird somit zwar in der Form verwendet, ist jedoch nicht unbedingt „Haltung“ der Beteiligten.

Was spricht noch dafür?

Dafür sprechen meine Erfahrungen in England. Obwohl dort ja nur ein Wort, nämlich das „you“ zur Vefügung steht, haben die Menschen zahlreichste Mittel und Wege entwickelt, ihre Distanz und/ oder Nähe zueinander auszudrücken, zu verhandeln und immer wieder anzupassen und zu verändern.

Mein Herz sagt Du.
Mein Verstand Sie.

Wie bringe ich das jetzt zusammen?

@crossyard @otacke @ralfa @cspannagel @thbernhardt @maki_amw …. wie handhabt ihr das?

(P.S.: Danke an @mindjump, Du hast mir geholfen, meine sich widerstreitenden Gedanken überhaupt erst einmal ordnen und darlegen zu können)

34 Antworten auf „„Sie Arschloch““

  1. Ich biete in meinen Seminaren stets an, dass von meiner Seite keine Probleme mit dem geduzt werden bestehen – gerade vorgestern wieder gemacht. Das ist zwar hier eher ungewöhnlich, aber die Freiheit wird mir gelassen.

    Meinem Gefühl nach mindert es die Distanz zwischen Lehrenden und Lernenden, ohne eine gewisse „Unterscheidung“ aufzugeben: „Primus inter pares“ passt hier ganz gut. Und ich meine, das wird auch von den Studierenden so aufgefasst.

    Ist aber sicher eine Typfrage – für einige Lehrende wäre das nichts, und sicher nicht jeder Lernende fände das Duzen gut.

  2. Ich mache es primär von der Teilnehmergruppe abhängig. Sind alle deutlich älter als ich fühle ich mich mit dem „Sie“ schon deutlich besser.
    Sagt mein Bauch das ich „Du“ sagen möchte frage ich die Teilnehmer und biete es an. Meistens ist es den Teilnehmern recht, bzw. ich glaube sogar oft sympathischer als das „Sie“.
    Der Umfang der Veranstaltung könnte auch noch Einfluss auf die Ansprache haben. Bei extrem kurzen Veranstaltungen mit großen (anonymen) Gruppen bleibt es vermutlich eher beim „Sie“.

    Wenn ich Mails von den Studierenden bekomme merke ich aber trotz des vereinbarten „Du“ die Unsicherheit. Oft werde ich noch mit „Sehr geehrter Herr…“ angeschrieben.

    Also, wie wirst Du es handhaben?

  3. Das kommt dabei raus, wenn man zwei Gedanken beim Sätzeformulieren gleichzeitig im Kopf hat. Denk dir den ersten Satz als…

    „Ich biete in meinen Seminaren stets an, dass ich geduzt werden kann – […]“

    oder als

    „Ich teile in meinen Seminaren stets mit, dass von meiner Seite keine Probleme mit dem Geduzt-Werden bestehen – […]“

  4. @Ralf:
    Ich bin eher überrascht, wie oft ich E-Mails mit „du“ von Studierenden erhalte, mit denen ich zuvor gar nichts zu tun hatte. Vielleicht eine Erscheinung der verstärkten Bedeutung des Internets?

  5. Hallo Monika,

    diese Frage stelle ich mir zu Beginn eines Seminars eigentlich immer wieder. In Präsenzveranstaltungen wähle ich zu Beginn meist Sie, manchmal ergibt sich das Du dann im Verlaufe des Seminars. Das Siezen hat vor allem dann Vorteile, wenn zu bewertende Leistungen erbracht werden müssen. Das Du hemmt an der Stelle, klare Kritik zu äußern.

    In unserem aktuellen Online-Seminar „Studieren im Mitmachnetz“ duzen wir komplett. Gerade weil das Seminar in Blogs stattfindet, war an ein Sie in Kommentaren nicht zu denken: wie würde das denn klingen, wenn ich dich in einem Kommentar mit „Sehr geehrte Frau König“ ansprechen würde 😉

    Beste Grüße aus Bremen,

    Thomas

    1. Hmm, ich finde ein „Sie“ in Kommentaren durchaus respektvoll. Vor allem wenn man sich „eigentlich“ gar nicht kennt. Wenn es z.B. TN einer großen Vorlesung sind die bloggen fände ich es durchaus angebracht wenn der Lehrende die Blogautoren in den Kommentaren (und in der Veranstaltung) mit „Sie“ anspricht.

      1. Also beim Schreiben der ersten Kommentare empfand ich es schon als komisch, mit Sie zu antworten, weil man es aus der Blogosphäre eben nicht anders gewohnt ist. Klar, in unserem konkreten Fall kennen wir die TN auch nicht (und werden sie vielleicht auch so nicht niemals real treffen), um aber einen Eindruck vom Bloggen zu vermitteln, sollten die Studis m.E. auch lernen mit einem Du sich respektvoll auszudrücken.

    2. Das mit der Notengebung hatte ich schon: Ich habe im vergangenen Semester einem Studierenden eine 5,0 auf eine Seminararbeit geben müssen. Neben dem Duzen hatten wir auch sonst schon miteinander zu tun, aber es ging trotzdem. Das war nicht angenehm, lag aber eher an der Beziehung allgemein, nicht speziell am Duzen.

      Ich habe ganz transparent per du erläutert, warum ich die Note geben musste. Er hat sich für die Erklärungen bedankt, sich auf den Hosenboden gesetzt, nachgearbeitet – und wir duzen uns immer noch.

  6. Liebe Alle,
    sehr geehrter Herr Bernhardt, sehr geehrter Herr Ralfa ( 😉 ),

    …. danke danke für eure Rückmeldungen bisher!

    Hier mein Zwischenfazit:
    Ich werde mal wie von @niederfuchs vorgeschlagen anfragen. Mut machst Du mir @otacke, dass auch „ungewöhnlich“ trotzdem geht, und da ich (wie von @thbernhardt eingeworfen) ja keine Noten vergeben muss…

    … probier ich es einfach mal aus (mit dem Du).

    Ich mach mich jetzt mal auf in die SM-freie-Zone (arbeiten)…
    … speak to you….
    m

  7. Ich biete meinen Studenten immer nach ca. einem Jahr das Duwort an. Vorher möchte ich sie nicht überfahren. Ich will auch nicht distanzlos wirken.

    Sich im Web zu siezen, hat für mich etwas von der Internetausdrucker-Kultur. Das ist für mich ein Grund für das Duwort. Ein zweiter: Ich unterrichte auch zu schreiben, und das ist immer etwas sehr Persönliches. Kritik an Texten ist auch persönliche Kritik, und man kann einiges leichter sagen, wenn man per Du ist. Ich glaube, aus ähnlichen Gründen duzt man sich in kreativen Umgebungen fast immer.

    Sicher steht das Du auch für eine enthierarchisierte Kommunikation. Indem ich meine Studenten duze, sage ich: Ich bin nicht nur Lehrender, ich bin auch Studierender. Das entspricht für mich der universitären Kultur – muss aber persönlich und zu den verschiedenen Rollen, die man einnimmt passen.

    1. meine Mutter pflegt zu sagen, man duzt schon so viele Arschloecher (allerdings im totalitaeren CZ haben einen wirklich zu viele Hirnamputierte geduzt). Auch in den 60er Jahren musste man zu vielen kleinen, nichtigen Idioten erlauben einen zu dutzen! Also ich habe ein gespaltenes Verhaeltnis dazu, es hat jedoch nie mit Autoritaet zu tun.

  8. irgendwie ergibt sich das … je nach Atmosphäre. Ok, anfangs Fragen find ich gut. Ich habe früher prinzipiell geduzt – und wurde zurück geduzt. Irgendwann funktionierte das aber nicht mehr automatisch. Ich habe geduzt und wurde zurück gesiezt (da habe ich gemerkt, jetzt werde ich alt ;-)). Das ist schlecht, weil das die Distanz eher verstärkt; das anfängliche Fragen hat das dann wieder gerade gerückt.

  9. Hallo Monika,

    da sprichst du ein echt interessantes Thema an. Ich habe mir da am Anfang auch den Kopf drüber zerbrochen, aber inzwischen handele ich es recht unkompliziert. Zum einen, weil es mir wirklich schwer fällt Studierende konsequent zu siezen, weil sie einfach mehr oder weniger in meiner Altersgruppe liegen. Meist fällt es ihnen schnell auf und sie sagen, dass auch das „du“ okay ist. In dem Fall weise ich dann immer noch darauf hin, dass Respekt nichts mit du oder sie zu tun hat 😉

    Ich würde einfach zu Beginn fragen. Und auch bei der Notengebung sehe ich das Problem, ähnlich wie Oliver, nicht so dramatisch. Bisher gab es da keine Probleme. Und nicht wundern, auch nach dem du wirst du sicher noch viele Mails mit „Sehr geehrte…“ oder „Hallo Frau…“ bekommen.

    Aktuell ist es so, dass ich die Studierende im Seminar und persönlichen Gesprächen sieze, im Web aber das du verwende. Obwohl ich gestehen muss, dass mir hier auch ab und an ein sie rausrutscht (und umgekehrt).

    Viel Spaß beim Seminar und bin gespannt, wie du es handhaben wirst

  10. Hallo Monika,

    ich halte es wie Joachim und andere hier: Ich duze prinzipiell. Aus meiner Sicht ist es einfach unglücklich, wenn ich die Hälfte der Studierenden etwa aufgrund ihrer studentischen Mitarbeit bei uns im Institut oder aufgrund ihrer Tätigkeit in der Fachschaft duze und den Rest nicht. Es würde sich von Beginn an ein Ungleichgewicht ergeben, das ich nicht im Seminar haben will. Außerdem macht sich das „Du“ bei projektorientierten Arbeiten einfach besser 😉

    Liebe Grüße,

    Sandra

  11. @Sandra, Deinen Einwurf auf Twitter fand ich gerade richtig gut! …. wie sehen das die Studierenden?

    @Joachim… Danke für Deinen Kommentar, ich habe nämlich auf dem EduCamp in Hamburg bestimmt drei Mal Anlauf genommen, um Dich anzusprechen… und bin dann ob des Gefühls, dass ich hier mich mit Kompetenz und Expertise eines E-Teaching.orgs einlasse… zurückgewichen.

    Das wird in Aachen anders sein 😉 …

  12. @heinz @Crossyard…
    … ich begreife aufgrund eurer Kommentare… dass die Welt eben nicht in ein Weiß und Schwarz einteilbar ist… dass man mit einem Grau aber auch (gut) leben kann.

  13. Ey guude Monika,

    online finde ich „Sie“ immer ziemlich befremdlich. Der Vergleich mit dem englischen hinkt, da das „you“ nicht „Du“ sondern „Sie“ bedeutet, weswegen es im Altenglischen (siehe Shakespeare) auch kein „Sie“ sondern ein „Du“ (thou) gibt. Im Deutschen empfinde ich „Sie“ und „Vorname“ immer ziemlich spießig.

    Zu meiner Zeit als Online-Redakteur im CITYLIFE bzw. als SysOp in CompuServe haben wir uns mit allen und jedem gedutzt. Eine Aufgabe, die ich übernommen hatte, war alle neuen Mitglieder des Forums (in Moodle würde man das Kurs nennen) mit einem persönlichen Anschreiben zu begrüßen. In diesem Anschreiben wurde, der Gepflogenheit in dem Medium entsprechend, geduzt. Ganz selten kam mal ein Schreiben zurück, in dem sich jemand das „Sie“ erbeten hat, was schon beinahe ausgrenzend wirkte: „Ich will nicht dazugehören.“

    Beruflich wird eigentlich immer mit dem Sie begonnen und meist nach wenigen Tagen auf „Du“ umgestellt, weil es unter ITlern eher üblich ist.

    Meine Seminare, die bisher alle offline stattgefunden haben, führe ich immer mit „Sie“ durch und wir schalten selten um. Länger als fünf Tage dauert so ein Seminar aber auch nicht.

    In Moodle hat das „Sie“ von den Kursleitern/Trainern/Betreuern immerhin den Vorteil sofort zu erkennen, dass da kein Student antwortet. Wenn Du selbst studierst und im selben Moodle mal duzen und dann wieder siezen willst, mutet das vermutlich seltsam an.

    In einer tutoriellen Veranstaltung an der Präsenzhochschule habe ich die Erfahrung gemacht, dass sich alle duzen. Warum also nicht auch online?

    just my two cent
    Thomas

  14. @Thomas (B.)

    HERZlichen Dank für Deine differenzierte Rückmeldung,… die mir mal wieder klar werden lässt, wie viel es für mich noch über’s Big Business, Kultur und Subkulturen zu lernen und erfahren gibt.

    Das gute dabei… ihr alle lasst mich nicht allein damit 🙂

    P.S.: Das mit dem Anschreiben ist eine hervorragende Idee.
    P.P.S.: Ich muss Shakespeare lesen.

  15. Ihr habt anscheinend nichts besseres zu tun, als Euch um so einen Quatsch Gedanken zu machen! Ist doch ganz einfach: Leute, die man mag Dutzt man, die man nichg mag oder nicht kennt, halt nicht!

  16. Habe vor einigen Monaten eine witzige Episode dazu erlebt:
    Prof. Christian Spannagel kam für einen Vortrag an die Uni Hamburg. Durchschnittsalter im Saal lag wohl über 40, darunter einige Pfeffersäcke, wie ich in der Fragerunde merken sollte:
    Ich adressierte den Vortragenden mit dem „du“, das ich aus dem Netz kannte, denn da hatten wir uns zuvor bei einigen wenigen Nachrichten schließlich auch geduzt. Sofort durchbohrten mich die Blicke von der Pfeffersackfraktion, denn hee: ICH (für Außenstehende wohl noch im Studentenalter) hatte den Dozenten geduzt! Dreist.
    Aber wie auch immer, das tangierte mich nicht weiter, denn ich sah da kein Problem.
    Als Prof. Spannagel sich dann aber seinerseits mit dem „Sie“ an mich wandte, war ich doch ein wenig verwirrt – nicht, weil er mich nicht zuordnen konnte, er nicht wusste, dass er mich bereits vormals im Netz geduzt hatte oder dergleichen, sondern eher, weil mir klar wurde, dass der Fortschritt, den wir hier im Netz erreicht haben, indem wir hier einfach alle mal per default auf Augenhöhe kommunizieren, in der Realität – und damit in der Institution Hochschule – noch in weiter Ferne liegt.
    Ich hab‘ aber keine Lust darauf, mit denen, die ich hier bereits duze, im RL nochmals diese lästige Dutzen/Sietzen-Debatte durchleben zu müssen, das alles ist mir nämlich viel zu verkrampft.

    1. Das ist durchaus erstaunlich, und mir ergeht es ebenso (nicht nochmals durch die Debatte durch). Um so mehr freue ich mich auf ein erstes Zusammentreffen im sog. RL mit Dir! 🙂

  17. Genau meine Ambivalenz! ;o) In Seminaren offline ist es für mich erstmal auf jeden Fall die Entscheidung des Seminarleiters. Und solange dieser kein Du anbietet, gehört auch ein Sie in jede E-Mail. Ob man es in Person des Verntwortlichen anbietet, ist wohl eine Fage der eigenen Persönlichkeit, des Themas und der Teilnehmenden. Grundsätzlih auch hier Alter vor Schönheit. ;o) Na und online… Hm, vielleicht wie in Deinem Beitrag thematisieren und zur Not darauf verweisen. Das soll jetzt zumindest auch mein Trick werden. Und: Das Du freilich in Großschreibung (http://druckstelle.wordpress.com/2013/04/02/warum-ich-sie-duze/).

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