Modern mit alten Mitteln

Ich lese gerade auf der sueddeutschen.de „Die Welt der Klick-Arbeiter“ hier.

Irgendwie kann ich mich jedoch so gar nicht auf den Artikel konzentrieren, sondern meine Gedanken werden durch folgenden kleinen Text abgelenkt, und das immer wieder und langandauernd:

„Wir wollen die Qualität der Nutzerdiskussionen stärker moderieren. Bitte haben Sie deshalb Verständnis, dass wir die Kommentare ab 19 Uhr bis 8 Uhr des Folgetages einfrieren. In dieser Zeit können keine Kommentare geschrieben werden. Dieser „Freeze“ gilt auch für Wochenenden (Freitag 19 Uhr bis Montag 8 Uhr) und für Feiertage.“

Was stört mich so daran?

Auch ich lese lieber Kommentarverläufe, die inhaltlich qualitativ hochwertige Beiträge enthalten, zudem in Wortwahl ansprechend bis witzig formuliert sind und in der jeweiligen Grundhaltung des gegenseitigen Respekts verfasst.

Also. Was stört mich dann daran?

1. Das „Wir wissen, was Qualität ist“

Wenn man Qualität von Nutzerdiskussionen stärker moderieren will, so hat man ein bestimmtes Bild davon, was einen qualitativen Kommentar ausmacht, wie dieser verfasst ist, was dieser enthält. Dieses Bild muss zwangsläufig immer subjektiv (da von einzelnen Personen/ einer Gruppe entworfen) sein, … und ist deshalb potentiell ungeeignet, einer dieser gegenüberstehenden Mehrheit gerecht zu werden.
Meine Gegenthese: Qualität ist immer erst im Nachhinein erkennbar.

2. Das „Wir beurteilen, was Qualität ist“
Sich als Individuum bzw. als Kleingruppe ein Bild davon zu konstruieren, was qualitative Kommentare sind, muss nicht zwangsläufig darin münden, Äußerungen zu be- oder verurteilen. Dies ist jedoch vorliegend der Fall. Mit der Konsequenz, dass Kommentare, die der subjektiven Norm des Beurteilenden/ der beurteilenden Gruppe nicht entsprechen, einer Beurteilung durch eine größere Leserschaft vorenthalten werden.
Meine Gegenthese: Qualität ist verlässlicher aus der Richtung zu beurteilen, aus der die fragliche Äußerung kommt, und zwar an (von verschiedenen Seiten anschließenden) Reaktionen.

3. Das „… und das ganze natürlich wann und wenn’s uns genehm ist“

Was ja für Extremfälle der Kommentierung sinnvoll sein mag. Was mich aber wahrscheinlich so richtig aufbringt ist nichts bis hierher, sondern der Punkt, das ganze dann nur zu tun, wenn’s genehm ist. Und genehm ist es nicht am Abend nach Dienstschluss, nicht vor dem ersten Kaffee am Morgen, schon gar nicht am Wochenende und zu allerletzt am Feiertag.

Das mutet sich mir an, wie modern sein zu wollen (Kommentare und Feedback zuzulassen), allerdings mit alten Mitteln (Kontrolle tut not, sonst kommt da bestimmt nichts qualitativ hochwertiges raus)… und das auch noch in traditionellen/ althergebrachten Beschäftigungsverhältnissen.

Es ist einfach die Diskrepanz von anders auftreten/ scheinen wollen, aber sich nicht verändern können.

So. Das musste mal geschrieben werden, dass ich mich befreit und offenen Geistes o.g. Artikel widmen kann. In der Hoffnung, dass mich dieser zu keinem weiteren Kommentar anrege, denn… es ist ja gerade Wochenende „(Freitag 19 Uhr bis Montag 8 Uhr)“ … und somit beurteilungs- und bewertungsfreie Zone, denken und kommentieren eingefroren.

Ein schönes Wochenende!

mons7

9 Antworten auf „Modern mit alten Mitteln“

  1. Man kann den SZ-Text auch so lesen:
    „Liebe Besucher, leider wird in den Kommentaren immer wieder ziemlicher Mist geschrieben. Den wollen wir gern löschen, damit Sie sich nicht drüber ärgern müssen und sich auf die inhaltliche Diskussion konzentrieren können (und außerdem, damit wir selbst und nicht darüber ärgern müssen). Leider haben wir aber keine Mitarbeiter, die rund um die Uhr online sind, deswegen können wir das nur zu den normalen Bürozeiten machen.“
    Ich finde es nachvollziehbar.

  2. Lieber @vilsrip! Du solltest solche Sachen für die SZ verfassen, da könnte ich sehr gut mit leben 😉 … und würde mich gleich drauf mal als Wochenende-Beurteilerin bewerben…. 🙂
    Dir ein besonders schönes WE

    die m

  3. ich schreibe schon mal in der Hoffnung, dass Du nicht freezest. Denn morgen ab 8:00 habe ich keine comment-Gelüste. Warum schreibt die Süddeutsche nicht einfach „comments werden moderiert“. Dann kann ich schreiben wann ich will und sie schalten frei wann es ihnen beliebt. Wenn sie zu lange dazu brauchen, macht das halt einen schlechten Eindruck. Unter „moderieren“ verstehe ich eher Spam-Ausschluss. „Wir wollen die Qualität stärker moderieren“ heißt 1. sie haben das schon immer getan und 2. sie wollen es jetzt verstärkt tun. Jetzt lese ich mal den Artikel:-)

    1. Liebe ursel,
      wenn Du mir schreibst, wird’s mir immer ganz warm um’s Herz, da ist nix mit „freezen“ 😉 …

      … und ich sollte jetzt mal ganz mit dem Bloggen aufhörn, anscheinend bin ich heut‘ bissl „bissig“ …

      LG die mons

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