Information Overload!

Ob Information Overload für mich überhaupt Thema ist und – falls ja – wie mein Umgang damit sei, so fragen derzeit Andrea Back und Jochen Robes in der 18. Ausgabe des WissensWert Blog Carnival hier. Ein Indiz für die allgemeine Relevanz die zahlreichen Kommentare unter dem Aufruf. Allein, dass ich mich von der Thematik angesprochen fühle, ein weiteres Indiz, jetzt jedoch hierfür, dass auch für mich das Thema relevant ist.

EXKURS. Die Informationen und Desinformationen aus unterschiedlichsten Quellen über eine vom Beben und darauffolgenden Tsunami in Japan, die anscheinend zu einer ersten – in einer potentiellen Reihe von weiteren in anderen Reaktoren möglichen – Kernschmelze drängen sich immer wieder in meine Überlegungen zum Thema und besetzten meinen Geist und meine Gefühle.

Kann das eine etwas mit dem anderen zu tun haben?

VERSUCH EINER BEGRIFFSKLÄRUNG. Was soll das überhaupt sein, so ein Information Overload? Ein (1) gefühltes (2) Zuviel an (3) Information.
Zu (1) Wie fühlt man sich im akuten Zustand des Information Overload?
Deprimiert/traurig. Wegen der Art von Information? (s. unten). Wegen der Erkenntnis, dass es soviel zu sehen/lesen/lernen gibt, was nicht alles in mein kleines Hirn und Leben hineinpasst?
Unruhig. Weil man – anstatt seine Säge zu schärfen – immer schneller und schneller sägt, um es doch noch zu schaffen (und dabei die ganze Sache vergeigt)?
Überfordert. Weil ohne Plan und ohne Strategie?

Zu (2) Wie viel ist zuviel?
Das ist wohl wie mit dem Essen. Der eine braucht mehr, der andere weniger, der eine verträgt dies, der andere das. Und um es nicht einfacher zu machen, wechselt das auch noch willkürlich und in Abhängigkeit von unbestimmbaren externen Faktoren. Ergo: Zuviel ist nicht quantifizierbar.

Zu (3) Welche Information? Information die mir potentiell oben beschriebenes Gefühl herbeizulocken geeignet erscheint, ist irrelevante – oder auch relevante, jedoch ohne daraus folgende Handlungsmöglichkeit nach deren Verarbeitung.
Irrelevant. Wie Autowerbung im Fernsehen. Wie Prospekte zum Ausverkauf eines Teppichladens in meinem Briefkasten.
Relevant ohne daraus folgender Handlungsmöglichkeit. Die Vorgänge in Japan scheinen mir in der Tat hochrelevant zu sein, sie sind aber für meine Wenigkeit in hohem Grade unbeeinflussbar. (Selbst offensichtlich für Frau Merkel, die – was auf m.E. in dem ausgesprochenen Zusammenhang berechtigt heftige Kritik gestoßen ist – davon spricht, wir seien in Gottes Hand).
Zusammenfassung: Information Overload wird hier gesetzt als gefühltes Zuviel an Information [das ist die Setzung], …. [und im Folgenden jetzt eine These] verursacht durch Aufdrängung von Information nach dem Push-Prinzip.

EIN GEGENMODELL.
Informationsbeschaffung aus einem reichhaltigen Angebot nach dem Pull-Prinzip.
Jeder kennt aber auch das Gegenteil vom Information Overload… wir haben nur kein gemeinsames Wort dafür. Es ist uns allen aber schon öfter passiert… und wir lieben das Gefühl, wir erfreuen uns daran, und wir wollen es wiederhaben. Meist beginnt es mit einem entspannten Umschauen, bis unser Geist von einem Mosaiksteinchen angeregt wird. Wir recherchieren weiter, zunächst über die üblichen Einstiegspunkte, gehen vielleicht am Tag darauf in die Bibliothek um unsere Sicht zu vertiefen. In unserem Geist entsteht ein Gesamtbild, das wir mit jeder neuen Information umbauen, erweitern, modifizieren.

ÜBERLEGUNGEN ZUM UMGANG BZW. WIE MAN VON EINEM ZUM ANDERN KOMMT – ODER WAS DAS THEMA MIT FUKUSHIMA ZU TUN HAT.

Die Kernschmelze im Reaktor als Information Overload. Eine unerwünschte (Informations-)Wolke tritt ins Leben der Umwohnenden um diesen einen Stoff zur Verfügung zu stellen, der zunächst nicht wahrnehmbar ist, aber vergiftet.

Glücklicherweise (oder ist das in diesem Zusammenhang unangebracht?) ist der Umgang mit der einen Wolke leichter als mit der anderen, …. und man kann den Umgang öfter üben. Sich dazu immer wieder etwas Zeit zu nehmen und zu geben, eine gewisse Wehrhaftigkeit zu entwickeln… und damit immer wieder neu anzufangen,

das ist (zumindest m)ein Anfang.

7 Antworten auf „Information Overload!“

  1. Mag es sein, dass das, was du mit dem nicht benennbaren Gegenteil von Information Overload meinst, schlicht Verdrängung heißt?

    Seit Jahrtausenden beherrschte der Mangel an Informationen den Wissens- und Bewusstseinszustand der Welt. Nun haben wir seit einigen Jahrzehnten den Zustand, dass wir Information en masse zur Verfügung haben, aber eben keine Filter mehr, die uns diese filtern, sortieren, (vermeintlich) erklären und präsentieren.

    Das Verdrängung als Mechanismus des „ich will das gar nicht wissen“ funtkioniert nicht mehr wie bisher, seit dem Nicht-Wissen kein Schicksal mehr ist, sondern aktives Verfehlen. Wir könnten wissen, wie es um Kernschmelze, libysche Rebellen, Eurostrategie in Portugal oder um die Kupferreserven in Chile bestellt ist – wenn wir uns nur kümmern würden.

    Das Problem also ist nicht der Informations Overload, sondern die damit verbundene individuelle Verpflichtung Prioritäten zu setzen und im Zweifelsfall zu begründen. Letztlich also die tagtägliche Herausforderung, ethische Entscheidungen für oder wider Informationssuche zu treffen.

    1. Lieber Andreas,

      danke für Deine inspirierende Anmerkung, die ich gleich einmal weiterspinnen möchte…

      a) Verdrängung. Bedeutet das, dass der Anteil an Verdrängungsarbeit größer wird, je mehr potentielle Information zur Verfügung steht? Will fragen, muss ich bestimmte Themengebiete, die „relevant“ sein könnten grundsätzlich erst wahrnehmen, bevor ich sie verdrängen kann?

      b) Angenommen das Problem ist in der Tat nicht Information Overload sondern die Verpflichtung Prioritäten zu setzen und die zugehörige Begründung. Was ist dann das Maß, das ich anlege, um dies zu tun? Bin das Maß letztendlich ich selbst? Und wie komme ich dazu, dieses Maß zu entwickeln?

      Ich würde mich über Deine Gedanken dazu sehr freuen,

      Monika

  2. Wow! Ein schwieriges Thema!
    Einerseits möchten wir gerne über alles informiert werden, andererseits will unser Kopf gar nicht so viel aufnehmen und weigert sich in großen Strecken die Infos überhaupt zu verarbeiten… Also begrenzen wir uns auf das, was uns besonders interessiert… Im Zeitalter des „nur Radio“ oder „nur Fernsehens“ war das wesentlich einfacher – wir hatten nur eine bestimmte Quelle neben den Printmedien…
    Nun hüpfen wir von einer Quelle zur anderen, lesen reihenweise RSS-Feeds und selektieren dabei auch schon aus, was uns wichtig erscheint und was wir vernachlässigen könnten…und erfassen trotzdem nur einen Bruchteil all dessen, was an Wissen durch die Welt schwappt…
    Dabei wollen wir trotzdem unser reales Leben eigentlich genauso leben wie bisher und dort nicht so viel verändern… Eine Zwickmühle, in die wir da geraten… und die uns manchmal echt überfordert…
    Trotzdem – die Zeit zurückdrehen will wohl niemand…
    Aber vielleicht lernen unsere Synapsen ja auch dazu und werden schneller in der Verarbeitung – wer weiss…
    Anntheres

    1. Liebe Anntheres,

      da bringst Du mich ja auf Ideen 🙂

      a) Reduzierung der Kanäle. Weg mit der Zeitung, raus mit dem Fernseher. Internet, Du darfst bleiben, außer Du nervst, dann gehe ich in meine reale Küche und lade die reale Anntheres auf einen Kaffee ein, die mir dann erzählen kann, was ich gerade mal wieder im Netz verpasst habe 🙂 #ilike

      b) Kann man die Weiterentwicklung von Synapsen irgendwie unterstützen… oder machen die das ganz unabhängig und alleine?

      Wie auch immer…. ich wünsche Dir einen wunderschönen Sonntag! Ohne Information Overload, aber mit Kuchen 🙂

      LG m

  3. Ich denke, dass wir tatsächlich vor dem Problem stehen, selbst entscheiden zu müssen, welche Informationen wir wahrnehmen wollen. Von wem lassen wir uns verleiten, welche Wege der Information wann und wie zu nutzen.
    Es lauern im Alltag sicher zwei große Gefahren:
    1. Ich will alles wissen. Egal ob Politik, Wissenschaft, Kunst, Tratsch oder Kochrezepte … ich lade, lese, drucke, speichere, verbreite einfach alles was sich anklicken lässt.
    2. Um mich und mein Weltbild nicht zu verwirren, lese ich nur eine Tageszeitung (entsprechend meiner politischen Couleur) und schaue evtl. um 20 Uhr die Tagesschau.
    Beide Strategien sind offensichtlich Sackgassen und sicherlich kein kompetenter Umgang mit den Medien.
    Angeleitet von unserer individuellen Entwicklung, unseren individuellen Erfahrungen und den daraus resultierenden Interessen, gilt es einen gesunde Balance zwischen interessengeleiteter Neugier und lebenspraktischer Notwendigkeit der Beschränkung zu finden.
    Ich muss jederzeit darüber reflektieren, ob ich einerseits noch geügend Zeit habe, gefundene Informationen zu durchdenken, zu diskutieren, weiter zu spinnen und andererseits ob ich nicht beginne im eigenen Saft zu schmoren und keine Erweiterung meines Wissens, meiner Interessen und Perspektiven mehr zu erfahren.

    Ich befürchte, dass unser Bildungssystem diese Balance nicht lehrt. Jeder muss das noch selber finden.
    M.E. ist die beste Methode der Überprüfung der eigenen Informationsbalance, der Diskurs mit anderen. Nur im Austausch mit anderen merke ich, ob ich mich verhaspele oder veröde, ob ich zum Fachidioten oder zum Ahnungslosen mutiere, ob zu viel über weniges oder zu wenig von allem weiß.

  4. Hallo! Teile des Beitrags decken sich auch mit meiner Meinung zum Thema (was mich natürlich freut). Vor allem gefällt mit die verwendete Definition von IO, ein gefühltes, Zuviel an Information.
    Viele Grüße aus Graz, Alexander Stocker

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