Das Internet vergisst nicht – na hoffentlich ;)

Bildquelle. 7.35 Uhr an einem Novembermorgen. Draußen ist es noch dunkel und ich überlege gerade, wie kurz der Text wohl sein soll, den ich beim Ideenwettbewerb zum Vergessen im Internet einzureichen gedenke. Gleichzeitig schlürfe ich an meinem mittlerweile lauwarmen Kaffee, der höchste Grad an Multitalsking eben, der mir zu dieser Morgenstunde möglich. Mangels der Vorgabe einer genaueren Längeneinheit beschließe ich, dass kurz die Länge eines Blogbeitrages sei, öffne mein Fenster zum Internet, und lasse meine Gedanken hineinfließen.

25 Jahre später. Auch ein Novembermorgen. Die Uhr hängt zu weit weg, als dass ich die Uhrzeit korrekt interpretieren könnte, aber sie spielt in meinem Leben auch keine Rolle. Es ist auf jeden Fall morgens und noch dunkel. Ich glaube ich mochte nie morgens in dieser Frühe aufstehen, aber so sehr man in meinem Alter Regelmäßigkeit und Gewohntes um sich zu schätzen weiß, so sehr ändern sich gewisse Dinge auch, ohne man meint auch nur den geringsten Anteil daran gehabt zu haben. Meine arthritischen Finger lassen sich gerade außergewöhnlich geschmeidig bewegen. Für mein Alter flugs klappe ich den Deckel meines Fensters zur Welt zur Seite, einen Deckel, der keinerlei Funktion mehr hat. Da ich jedoch jahrelang daheim an Geräten mit Deckeln gearbeitet habe, gönne ich mir diese kleine Sentimentalität. Genau wie einen – mittlerweile lauwarm gewordenen – Kaffee. Der schmeckt zwar nicht, hilft mir aber, mich an mich selbst zu erinnern. Gespannt schlage ich im Weblog dieser mitteljungen Frau nach, die einmal ich gewesen sein muss. Ich erinnere, dass man damals wohl ein Lesezeichen gesetzt hätte, dort wo man beim nächsten Blick hinein wahrscheinlich würde weiterlesen wollen. Diese Hilfe habe ich heutzutage nicht mehr nötig. Mein Fenster weiss, wo ich sein will, ich habe allerdings vergessen, wie es das macht.

7.53 Uhr. 25 Jahre zuvor. Ich überlege auf Tee umzusteigen. Der würde mir mit sicherheit helfen zu formulieren, wo Veränderungen von Verhalten durch soziale Regeln notwendig sind (um mit dem Nicht-Vergessen des Internets umzugehen), und mir natürlich auch praktisch umsetzbare Lösungsansatze zufallen lassen. Ich verwerfe den Tee-Gedanken und fange einfach mal an.

Veränderungen von Verhaltensweisen durch soziale Regeln

(1) Anerkennen, was ist.
Es werden täglich und massenhaft persönliche Daten von unzähligen Menschen ins Internet eingespeist, die andere Menschen für datenschutzrelevant erachten. So ist es z.B. ein leichtes, mein Geburtsjahr zu ergoogeln, was mich ja heute noch nicht so stört, in oben beschriebener Zukunft wohl auch nicht mehr, vieleicht aber zu einem mir noch unbekannten Zeitpunkt dazwischen. Man mag nun dieses Einspeisen für schlecht und unvorausschauend erachten, faktisch findet es aber beständig statt. Und Daten und Informationen, so sie einmal in dieser Art und Weise losgelassen, lassen sich eben NICHT auf traditionelle Dateschutz-Manier mehr kontrollieren. Einfach akzeptieren, dass von mir gewusst oder unbewusst, von mir selbst eingespeist oder von anderen, Daten und Informationen wie freie Radikale in einem frei zugänlichen Internet herumschwirren, ist die Verhaltensregel Nr. 1, die ich hiermit an meine verehrte Leserschaft herantragen will. Und es ist – im Vergleich zu dem was noch folgt – die einfachste Übung. 😉

(2) Anderartigkeit akzeptieren.
Woran ich tagtäglich scheitere. Oder besser geschrieben, je ähnlicher sich das Gegenüber zu mir verhält, als desto akzeptabler empfinde ich das Verhalten. Nehmen wir erneut das Beispiel des Einspeisens von persönlichen Daten wie des Geburtsdatums ins Internet her. Während ich auf XING, wahrscheinlich auch LinkedIn, jedenfalls auf Facebook mein Geburtsdatum inklusive Geburtsjahr hinterlegt habe, gibt es ein Blumenstrauß an andersartigen Entscheidungen, die man in Zusammenhang mit diesem seinem Freudentag treffen kann. So ist vorstellbar, den Tag offenzulegen, nicht jedoch das Jahr, sein Geburtsdatum nur an eine ausgewählte Usergruppe freizugeben, gar nicht zu verraten, oder aber in noch viele Netzwerke mehr einzutragen. Nicht selten wird auch von einem Menschen in jede Plattform ein anderes Geburtsdatum eingepflegt, manchmal auffällig unwahrscheinliche, oft um zu verwirren. Ich persönlich finde nichts dabei, auch Geburtstagsgrüße von ganz weitläufigen Bekannten auf der Facebook-Pinnwand vorzufinden bzw. erwarte aufgrund der Berechnungen meines Alters eher spontane Gedanken wie: „Gut gehalten, die Alte.“ 😉 Am wenigsten akzeptabel ist für mich die überhaupt nicht Offenlegung. Wahrscheinlich wegen des daraufhin gefühlten Ungleichgewichts. Die Akzeptanz jedoch jeglicher Entscheidung des jeweiligen Gegenübers stellt für mich die zweite anzustrebende Verhaltensweise dar. Und zwar insbesondere auch dann, wenn mir diese Entscheidung nicht passt.

(3) Perspektivwechsel üben.
Dieses nicht passen rührt ja in der Regel von einem nicht nachvollziehen können her. Ein zunächst nicht nachvollziehen können birgt allerdings auch eine Chance in sich. Die Chance auf einen (oder mehrere) Perspektivwechsel (gleichsam die dritte anzustrebende Art und Weise, sich zu verhalten/Verhaltensweise). Was könnten für mich (potentielle) Gründe sein, mein Geburtsdatum eben NICHT im Internet für jederfrau offenzulegen? Ich mach mir mal einen Sport daraus und versuche es mit drei Begründungszusammenhängen. Wie überzeugend bin ich? 😉
1. Ich bin so ganz und gar nicht, wie meinem Sternzeichen (Jungfrau) im Allgemeinen zugeschrieben. Damit erst gar niemand auf die Idee kommt, mich für eine gute Buchhalterin zu halten.
2. Ich bin hinter einem um Vieles jüngeren Typen her. Er soll nicht schon aufgrund einer blanken nichtssagenden Zahl abgeschreckt werden.
3. Ich hasse es im Mittelpunkt zu stehen und Geburtstagsparties zu schmeissen. Dafür feiere ich aber um so lieber bei anderen mit. Die sollen nur nicht merken, dass ich zufällig am gleichen Tag Geburtstag habe.

(4) Nachhaken.
Nun ja. Sehr weit hergeholt klingen sie schon, meine fingierten Gründe. Den wahren Grund eines Individuums, sein oder ihr Geburtsdatum nicht internet-öffentlich zu machen, kann man vielleicht – selbst mit einer großen Ausstattung an Phantasie – nicht erfinden. Hier lohnt nachhaken und nachfragen. Erweitert auf jeden Fall die Perspektive. 😉

(5) Sich einmischen.
Eine erweiterte Form des Nachhakens ist die Einmischung, die fünfte von mir geforderte Verhaltensweise im Bunde. Einmischen nämlich dann, wenn man die Nutzung von ins Internet eingespeisten Daten als nicht angemessen empfindet. Beispiel: Von jemandem wird aufgrund eines einzelnen Blog-Posts einer Person auf die Gesamtpersönlichkeit dahinter geschlossen. Hier fehlt die Breite an Beurteilungsbasis. Beispiel: Einzelne aus dem Internet entnommene Informationen werden in den eigenen Kontext des Betrachters gestellt, und somit in einer Art und Weise wiedergegeben, wie vom Erstverfasser mitnichten intendiert.
Alles schon einmal erlebt, oder?

(6) Locker werden.
Und wenn man sich mit seiner Einmischung auf verlorenem Posten empfindet, dann hilft immer noch, was im physischen Leben auch hilft: die ultimative Verhaltensweise 6: Sich locker machen.


Praktisch umsetzbare Lösungsansätze

Ich habe keine.

(1) Die Gesellschaft ändert sich am ehesten über das Selbst.
Am ehesten noch denjenige, mich selbst an die oben aus- und aufgeführten Verhaltensweisen zu halten. Was allein schon eine Änderung meiner bisherigen Verhaltensweise darstellt.

(2) Vorleben vs. Vorsprechen.
Sobald mir dies durchgehend gelingt, ich es also tue, werde ich – z.B. anlässlich meines nächsten Vortrages am 29. – darüber sprechen. Nicht in der Weise, dass es diese Verhaltensweisen als Normen zu erfüllen gelte. Sondern vielmehr in derjenigen, dass ich diese eben, da ich sie für mich als lebbar und wert zu leben empfinde eben lebe. Ganz nach dem Motto: Tue (und tu es auch) Gutes und rede (Vorträge) darüber.

(3) Konkrete Anlässe zum Thema machen.
Ob reden, schreiben, leben, alle diese bedeuten etwas zum Thema zu machen. Und dazu braucht es Anlässe. Ideenwettbewerbe wie derjenige, für diesen ich diesen Blog-Post verfasst habe. BlogCarnivals. Tweets. Linktipps. Alles was den Diskurs fördert, sei gefördert.

(4) Die kritische Masse.
Zumindest bis sich eine kritische Masse an Menschen auf die vorgeschlagene Art und Weise verhält. Damit ich mich von ganzem Herzen darüber freuen kann, dass (mich) das Internet nicht vergisst.

Der Tag danach.
Ich lese meinen gestrigen Entwurf zum Ideenwettbewerb. Ich bin unzufrieden. Nicht so mit dem ersten Teil. Der Darstellung meiner idealen Welt des Umgangs mit meinen ins Internet geworfenen Informationen. Die konkret umsetzbaren Ideen dazu fühlen jedoch weder konkret noch unmittelbar umsetzbar an. Ich beschließe, den Entwurf anstatt in die virtuelle Tonne ins Internet zu werfen.
Meine Community wird es über die Kommentarfunktion schon richten.
Na hoffentlich.

7 Antworten auf „Das Internet vergisst nicht – na hoffentlich ;)“

    1. Hi biwi_uli,
      … aber ob sich mit „Ich habe keine [praktisch umsetzbaren Lösungsansätze] einen Blumentopf gewinnen lässt? 😉
      Einen schönen Sonntag wünscht Dir
      m

  1. Warum keinen Geburtstag angeben?
    Ein wichtiger Grund ist, nicht identifizierbar zu sein. Je mehr Leute vom Netz verstehen, desto besser sind sie über die Gefahren der Identifizierbarkeit informiert.
    Es gibt alleinstehende Frauen, die meinen, besonders sie seien gefährdet. Ich denke, Kinder sind noch mehr gefährdet.

    Ein weit weniger wichtiger Grund ist, nicht Stereotypen zum Opfer zu fallen.
    Welcher vierzigjährige Besucher der Wikiversity wird wohl einem zwölfjährigen Mädchen zutrauen, dass es für ihn die richtige Mentorin ist?

    Ich persönlich war älter, als ich mich von Zwölfjährigen habe einweisen lassen, manchmal wusste ich es, wie oft ich es nicht wusste, weiß ich nicht.

    1. Lieber apanat,
      das „nicht Stereotypen zum Opfer fallen“ spricht mich aussprechend an! 🙂

      Mit dem nicht identifizierbar zu sein habe ich noch so meine Probleme. Konkret: Was mache ich, wenn ich in gewissen Zusammenhängen gerade identifizierbar sein will? Aber hier scheint es mir ein entweder oder schwerlich zu geben.
      Entweder ich gehe das Risiko ein (identifizierbar zu sein), oder eben nicht.
      Oder gibt es das doch, so ein sowohl als auch, je nach Angelegenheit?
      Herzlich
      m

  2. Kinder sollten zwar in ihrem Umfeld, aber nicht im Internet allgemein identifizierbar sein. In jedem Fall.
    Ausnahme, es geht um eine Ehrung, die auch durch die Presse geht. Aber die privaten Äußerungen von Kindern sollten geschützt bleiben.

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