Ein Lehrer-Blogger übers Bloggen – Herr Larbig im Interview –

[Vorspann: Schon länger haben mich bestimmte Aspekte, Sichtweisen, Perspektiven & Hintergründe zum Bloggerdasein und Bloggen des und von Herrn Larbig interessiert. Erfreulicherweise hat er sich auf das Format eines Interviews eingelassen, so dass auch ihr von den “Insights” profitieren könnt.  Meine Fragen und die äußerst aufschlussreichen Antworten des Herrn Larbig im Folgenden.]

M: Du schreibst Beiträge in Deinen Blog herrlarbig.de, die äußerst elaboriert, gut ausformuliert und thematisch schon beinahe in diversen Fachjournalen veröffentlichbar sind. Gibt es einen Grund, dass Du diese Art der Reputation anstrebst (im Vergleich zur eher wissenschaftlichen)?

HL: Wow. Toll, dass du meine Blogbeiträge so einschätzt. Hätte ich von Anfang an mein Schreiben so eingeschätzt, gäbe es das Blog unter herrlarbig.de heute vielleicht gar nicht. Dann würde ich nämlich vielleicht wirklich vor allem in Fachzeitschriften veröffentlichen.

Es ist großartig, in Fachzeitschriften zu veröffentlichen. Wenn ich aber überlege, wie viele Leser und Leserinnen ich über Fachzeitschriften erreichen könnte und wie viele ich über ein öffentliches Blog zum Lesen der Beiträge motivieren kann, dann bin ich froh, dass ich diesen akademisch engen Weg nicht gegangen bin. Wenn jemand mit meinen Themen, die ja von Interpretationen mittelalterlicher Gedichte bis hin zu Vorschlägen in Sachen digitaler Arbeitsabläufe reichen, heute Leser erreichen will, gibt es eigentlich nur die Variante des Schreibens im Netz. Würde ich Thriller schreiben, würde sich die gedruckte Variante vielleicht lohnen.

Ich habe nie irgend eine Reputation angestrebt. Dass mir eine zugesprochen wird, freut mich dann aber schon. Und ja, das Publizieren in den geschlossenen Kreisen der Wissenschaft, kommt mir heute wirklich seltsam vor. Vor allem in Wissenschaften, in denen man bei den meisten Publikationen um eine Druckkostenzuschuss gebeten wird. Wenn man nicht gerade ein Star der Szene ist, ist das bei Geisteswisenschaftlern sogar eher die Regel. Deshalb wundert es mich, dass mir so wenige Germanisten, Philosophen, Historiker, Theologen etc. mit fachspezifischen Websites im Internet begegnen. Die könnten da viele Leser erreichen.

Statt dessen publizieren sie in Fachzeitschriften und womöglich eigene Monographien, die sich vielleicht 1000 Mal verkaufen und wahrscheinlich auch nicht häufiger gelesen werden. Ich habe diese Reputation nicht angestrebt, aber letztlich bin ich doch froh, dass ich diese habe und keine, die sich auf kleinste akademische Zirkel beschränkt.

M: Spielen für Dich Zugriffszahlen auf einzelne Beiträge/die Zugriffsstatistik in irgend einer Art und Weise eine Rolle und wenn ja, welche?

HL: Warum schreibt man? Warum schreibt man Blog? Am Anfang gab es für mich nur einen Grund: Ich wollte wissen, wie dieses Internet funktioniert. Das weiß ich mittlerweile einigermaßen.

Warum schreibe ich weiter? Mir ist aufgefallen, dass es Leute gibt, die meine Beiträge mögen und lesen. In der Breite, in der diese Beiträge angelegt sind, sind das unterschiedliche Leute. Erstaunlich ist für mich immer, dass Beiträge, die mehr „Abfallprodukte“ inhaltlicher Vorbereitungen auf Lektüren in der Schule waren, mit die höchsten kontinuierlichen Zugriffszahlen haben. Das liegt daran, dass Google sie weit oben rankt, zum Teil unter den ersten zehn Ergebnissen. Das liegt daran, das irgendwelche Leser meiner Beiträge diese als Links zu Wikipediaartikeln angegeben haben und die Links akzeptiert wurden. Seit kurzem kommen dann noch Leserzugriffe dazu, dir durch Verlinkungen auf prominenten Websites entstehen. Dass ich nach wie vor blogge, dass ich das jetzt seit knapp 41 Monaten unter herrlarbig.de durchhalte, das hat eindeutig mit der Erfahrung zu tun, dass meine Beiträge Leser finden. Wäre das nicht der Fall, hätte ich das nicht so durchhalten können.

Zugriffszahlen sind für mich Motivation weiter zu machen. Ich habe aber noch nie Zugriffszahlen daraufhin ausgewertet, wie ich die erhöhen konnte, was ich schreiben könnte, damit die Leser zufrieden sind. Die Leser habe ich gefunden, weil ich so schreibe, wie ich schreibe. Also werde ich das auch nicht verändern. Was ich aber nicht verlieren will ist das Staunen darüber, dass das so ist, dass da Leute lesen, was ich schreibe – oder mich sogar zum Interview bitten…

M: Ich merke manchmal (z.B. daran, dass mich auf EduCamps Menschen (besserer-)kennen als ich diese zurück, dass ein Ungleichgewicht im gegenseitigen Wahrnehmen vorliegt. Passiert Dir Ähnliches ebenso, wie gehst Du damit um und wie kommt es, dass Du mit Texten recht großzügig in die Internetöffentlichkeit hineintrittst, Fotos und Videos von Dir hingegen eher zurückhaltend „freigibst“?

HL: Für einen Lehrer ist dieses Ungleichgewicht der Wahrnehmung etwas alltägliches. Es kennen einen mehr Leute als man selbst kennt. Von daher ist das, was ich in Sachen Wahrnehmung zum Teil erlebe nichts, was mich jetzt sonderlich umhaut. Ja, ich kenne das, dass bei Konferenzen oder Veranstaltungen sich Leute vorstellen, die mir mitteilen, dass sie regelmäßig mein Blog lesen. Diese Leute kennen mich, aber ich kenne sie überhaupt nicht. Das überrascht mich immer wieder: „Die kennen mich nicht, lesen mich aber.“ – Und dann mache ich mir immer wieder klar, dass es um die Inhalte geht und nicht um meine Person.

Ich gehöre ja nun nicht zu den Leuten, die es darauf anlegen, überall und sofort erkannt zu werden. Es gibt kaum Bilder und wenige Videos von mir im Netz. Eigentlich gibt es die überhaupt erst, seit ich im Frühjahr 2011 in Bremen bei meinem ersten Educamp war und ich kapierte, dass ich die völlige visuelle Abwesenheit im Netz nicht würde durchhalten können, wenn ich solche Konferenzen besuche. Aber es geht mir um die Inhalte. Und jedes Mal, wenn mich Leute ansprechen, weil sie von mir veröffentlichte Inhalte gelesen haben, sage ich mir, dass es meine Inhalte sind, die diese Menschen angesprochen haben, nicht ich als Person. Immer dann, wenn ich den Eindruck habe, dass Menschen mich als Person hochjubeln, von den Inhalten weg und auf mich hin zeigen, merke ich, dass ich zu diesen Menschen eher auf Distanz gehe. Spricht mich also jemand auf von mir veröffentlichte Inhalte an, bin ich ganz entspannt.

Werde ich aber in einer Art angesprochen, bei der ich den Eindruck habe, da ist jetzt jemand stolz drauf, mit dem herrlarbig mal in echt gesprochen zu haben, dann bin ich schnell weg… Am liebsten wäre mir nach wie vor, dass ich via Bild im Netz gar nicht präsent wäre. Aber ok, beim Educamp in Bremen wurde ich nunmal gebeten, bei einer Diskussionrunde teilzunehmen, die gestreamt und später als Video veröffentlicht wurde. Dem wollte ich mich nicht verweigern.

M: Wie würdest Du den Prozess Deiner Öffnung einer anonymenInternetöffentlichkeit gegenüber beschreiben/strukturieren?

HL: Darüber habe ich nie wirklich im Vorfeld nachgedacht. Wenn ich „öffentlicher“ wurde, war das ungeplant. Das hat sich einfach so ergeben. Trotzdem habe ich von Anfang an auf meine Netzidentität geachtet. Aber das hat weniger mit der etwas größeren Öffentlichkeit zu tun als vielmehr damit, dass das in meinen Augen einfach zu Medienkompetenz dazugehört, wenn man aktiv partizipierend Teil von Medienöffentlichkeit wird.

Außerdem ist die Internetöffentlichkeit nicht ganz so anonym, wie du anzunehmen scheinst. Klar, es gibt viele Leute, die lesen meine Blogartikel, da habe ich keine Ahnung, dass sie das tun. Es gibt aber auch sehr viele Leute, die aus der Anonymität heraus getreten sind und die ich mittlerweile ganz real und ohne Bildschirm dazwischen kennen gelernt habe. Das sind jetzt nicht die großen Freundschaften oder so, aber man kennt sich dennoch…

M: Und was sind das so für Leute?

HL: Na, Du zum Beispiel bist so ne Leut. 😉 – Ich glaube, wir sind uns zum ersten Mal beim von Karl-Heinz Pape organisierten CoLearnCamp in Darmstadt begegnet, obwohl wir beide in Frankfurt wohnen und uns schon vorher über Twitter kannten… Andere Leute sind z. B. Jean-Paul Martin, dieser großartige LDL-Erfinder, Französisch-Didaktiker und ziemlich leidenschaftliche Netznutzer; Christian Spannagel als öffentlicher Wissenschaftler, Lisa Rosa, mit der ich so gern und wie ich finde produktiv streite, Andreas Kasche, der in Bremen gar nicht weit von meiner Stammunterkunft wohnt und den ich gerne sehe, wenn ich mal wieder in Bremen bin… Es gibt noch viel mehr, von solchen Leuten. Und jetzt werden viele sauer sein, dass ich sie hier nicht nennen. Ok. Ich denke aber an alle und vor allem: Man liest sich sowieso regelmäßig auf Twitter.

M: Spricht man im Edu-Umfeld über Lehrer-Blogs, wirst ja zumeist Du und derRené Scheppler in einem Atemzug ge- und benannt, es wird also auf dieoffensichtliche Gemeinsamkeit der Zunft und des Bloggens abgestellt. Wiewürdest Du den grundlegenden Unterschied/grundlegende Unterschiede zwischeneuch auf den Punkt bringen?

HL: Das habe ich nie so gesehen. Ja, klar, es scheint da so ne Gruppe an Leuten aus dem Edu-Bereich zu geben, die oft von ähnlichen Leuten wahrgenommen werden. Ich merke das an Tagungseinladungen. Da tauchen immer wieder die gleichen Namen auf. Das mag ein Indiz für die Übersichtlichkeit der wahrgenommenen Lehrerblogger zu sein, obwohl es viel mehr gibt, da so wahrgenommen werden. Ja, René taucht da immer wieder mit auf, obwohl er in den letzten Monaten als Blogger gar nicht mehr so viel gemacht hat. Da hält sich die Reputation aus seinen D-21-Blog-Zeiten noch. Dafür tauchen jetzt Leute wie Martin Kurz und André Spang auf. Felix Schaumburg ist auch noch einer von den wirklich spannenden Lehrern mit Blogs. Dazu gehört auch Lisa Rosa aus Hamburg. Immer wenn wir aufeinander treffen, kann es lebendig werden. Das liegt daran, dass wir einander mögen, aber doch genug Dissens haben, dass die Diskussionen lebendig bleiben. Außerdem gehört Maik Riecken in diese Gruppe der bloggenden Lehrer, die einander kennen und irgendwie auch oft gemeinsam wahrgenommen werden. Und als Blogger ist Thomas Rau aus München noch eine echte Institution. Den habe ich persönlich noch nicht kennen gelernt. Er ist auch irgendwie anders in der Öffentlichkeit als viele andere Lehrerblogger, aber das macht für mich den Reiz aus. Es gibt da so wenige Ähnlichkeiten. Die bloggenden Lehrer, die als solche wahrgenommen werden, werden das wohl, weil sie so unterschiedlich sind und dabei jeweils Authentizität ausstrahlen.

Gehe ich über den Lehrerbereich hinaus, kommt da noch vor allem Christian Spannagel aus Heidelberg dazu, aber auch Basti Hirsch aus Berlin und recht viele, die ich jetzt gerade zu nennen vergessen, was mir später richtig peinlich sein wird. Und du, liebe Monika, bist in diesen Edubloggerkreisen ja durchaus auch bekannt. Es ist also nicht nur eine Person wie René, mit der ich in einem Atemzug genannt werde, sondern mittlerweile doch schon eine etwas größere Gruppe. Und das finde ich gut.

M: Du würdest nicht so nachhaltig bloggen, so es Dir – mal abgesehen von einergewissen Reputation – nicht auch noch andere Vorteile erbrächte. Welche sind dies?

HL: Kein Vorteil, sondern eher… Wie formuliere ich das… Nun… Ich lebe nach dem Grundsatz „nulla dies sine linea“ – „Kein Tag, ohne geschrieben zu haben“. Für mich ist das Schreiben eine alltägliche Notwendigkeit. Ich kann eigentlich gar nicht anders. Jeden Tag irgendetwas schriftlich zu fassen versuchen; jeden Tag etwas zum Ausdruck bringen… Mir ist das Schreiben, nach dem persönlichen Gespräch mit echten Freunden, etwas sehr wichtiges geworden. Schreiben ist für mich ein Instrument strukturierter Reflexion. Und das eine oder das andere, was ich dann schreibe, geht eben ins Blog. Das ist noch kein Vorteil. Aber das war auch nie mein Ansinnen, über das Bloggen „Vorteile“ zu erreichen. Ich wollte einfach bloggen. Alles andere hat sich ergeben.

Davon abgesehen ist nicht die Reputation das wichtige, sondern die Disputation. Mir sind die Kommentare auf herrlarbig.de sehr wichtig, weil in ihnen andere zu Wort kommen und mich anregen, gleichzeitig aber von mir angeregt wurden, ihre Gedanken in Kommentaren festzuhalten. Und in diesen Zusammenhang fallen dann auch meine Kommentare, die ich in anderen Blogs hinterlasse.

M: Ich brauche zum Verfassen eines Beitrages notwendigerweise einen zündendenGedanken, eine An- oder Aufregung von Außen, einen für mich wahrnehmbarenDiskurs im Social Web. Was sind Deine Themen(auf-)geber?

HL: Meine Themen ergeben sich aus den Sachen, mit denen ich mich befasse oder die mir begegnen. Lese ich Faust, schreibe ich zu Faust. Und ein paar Beiträge habe ich auf herrlarbig.de veröffentlicht. Viele davon findet Google unter den ersten 10. Oder ich rege mich über etwas auf, dann schreibe ich. Wenn das dann nicht zu unsachlich ist, bringe ich es im Blog. Das Blog ist aber alles in allen ein Nebenprodukt meines ganz alltäglichen Schreibens.

M: Mit welchem Getränk würdest Du (im Sinne einer “Analogie”) Twitterbezeichnen, mit welchem Deinen Blog und mit welchem Facebook?

HL: Twitter ist für mich Alltag, also wie Wasser aus der Leitung; mein Blog ist für mich feinster indischer Tee; Facebook kommt mir wie ein NoName-Instant-Kaffee vor.

12 Antworten auf „Ein Lehrer-Blogger übers Bloggen – Herr Larbig im Interview –“

  1. Danke Euch beiden für dieses tolle Interview!
    Das würde ich gern als zweifaches Lehrbeispiel verwenden: Einerseits machst Du Monika, mit diesem Interview ganz nebenbei auf den Dialog-Charakter eines Blogs aufmerksam, und andererseits beschreibt Torsten sehr schön seine Motivation zum Blogschreiben und die Wirkung der Leser und anderer “Netz-Mitglieder” auf ihn als Blog-Schreiber. Und wenn man sich diese vielen kleinen Feedbacks zwischen Mehreren vorstellt, wird daraus schön deutlich wie “Vernetzung” funktioniert und wirken kann. .

    Aber darf ich diese Interview überhaupt verwenden? Sicher habe ich nur den Hinweis auf die CC-Lizenz übersehen.

    1. *hüstl* 😉 … ja, da hast Du mal wieder einen Punkt bei mir getroffen… und (wie des Öfteren) etwas bei mir ausgelöst: Ich habe jetzt rechts oben die gleich CC-Lizenz wie Du auf Deinem Blog eingefügt…. und sogar Dein Bildchen eingebunden.
      Danke für den Hinwei!!!!
      Herzlich
      Monika

  2. Ein sehr, sehr gelungenes Interview! Danke dir Monika und Torsten dafür. Und verwundert muss ich feststellen: dem letzten Satz des Herrn Larbig kann ich nur zustimmen. Ich würde noch ergänzen: Goggle+ ist ein ordentliches Alltagsgetränk, etwa ein typisch britischer PG Tips mit Milch.

  3. Wenn ich jetzt den like button drücke – denken dann die kläffis im lande wieder alle, ich mache das nur, weil mein name drin vorkommt, und schreiben das dann in einen telepolis-artikel. ich bin in einem echten dilemma. man wird so viel missverstanden im netz, aber noch vielvielviel mehr von außerhalb des netzes. liebe Monika, ich drück statt des button lieber dich, und @herrlarbig drücken gehört sich ja nicht.

  4. Pingback: The Power Of Open

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