Bloggen vs. Schreiben in der und für die Wissenschaft

Bildquelle.

Anlass meiner Überlegungen ist eine temporäre und partielle Schreibblockade. Ja. Auch das gibt es in meinem Leben.

Konkret
Ich hatte einen Abgabetermin für ein Buchkapitel (wissenschaftlich) und nicht rechtzeitig genug damit angefangen, dieses zu erstellen. Ein Tag vor der Deadline ereilte mich – ganz konkret – eine Schreibblockade. Ich öffnete immer und immer wieder das Dokument, kein Satz jedoch, nicht einmal ein Halbsatz fand seinen Weg über die Tastatur in dieses hinein. Nichts ungewöhnliches, mag der eine oder andere jetzt denken. Ungewöhnlich an der Situation jedoch war, dass ich in einem anderen „Tab“ des Browsers mein Weblog geöffnet hatte, in das – ganz wie nebenbei – über jene Tastatur ein ganzer Artikel einfloss. Also doch keine Schreibblockade? Oder eine nicht nur temporäre, sondern partielle?

Deshalb
Gibt es einen so grundsätzlichen Unterschied zwischen dem Schreiben in der Wissenschaft und dem Schreiben für das eigene Weblog? Unterschiede ja, die gibt es, aber machen die den Unterschied? Kann man das eine wie das andere Schreiben erlernen? Oder gibt es Menschen, die eher für das eine oder das andere geeignet sind? Fragen über Fragen. Deshalb zunächst einmal ganz „basic“. Was sind die offensichtlichen Unterschiede?

Die Liste

Schreibstil 
flapsig vs. staubtrocken
Im Blog kann man einfach mal einen Text so … „hinrotzen“. Und man müsste Worte wie diese nicht mal zwangsweise in Anführungsstriche setzen. Bin ich in Jammerstimmung, kommt auch einmal der eine oder andere Jammertext dabei heraus. Bin ich wütend, raucht es im Blog. Emotionen erlaubt. Um diese wäre die entsprechende wissenschaftliche Ausarbeitung bereinigt. Was sie zwar nicht zwangsweise, aber doch meistens etwas trockener zum Lesen macht. Aber auch leichter zum rezipieren, denn stark emotional gefärbte Texte locken beim Gegenüber genau solche wieder heraus. Anstatt gut und lange überlegte Repliken.

Perspektive
(vorgegeben) objektiv vs. (vorgegeben) subjektiv
Vorgegeben habe ich mal hinzugefügt, weil ich schon recht objektive und abwägende Blog-Artikel gelesen habe… und wissenschaftliche Ausarbeitungen, die nur leidlich die ganz spezielle Haltung, die hinter den Ausführungen stand, verbergen konnten. Allgemein anerkannte Praxis ist jedoch, wissenschaftliche Ausarbeitungen als zumindest eher objektive Info zu betrachten, denn ein Blog-Post.

Veröffentlichungsfrequenz
spontan vs. überlegt abgesichert
Blog-Posts erhalten ihre spezielle Würze – zumindest bei bestimmten Anlässen – gerade durch ihre zeitnahe Veröffentlichung. Man muss sich nicht „absichern“, sprich mindestens drei weitere Quellen aufwarten, die ebensolches behaupten, was man selber gerade verbrät, da es genau solche Quellen eben noch gar nicht gibt/geben kann.
Bis man sich jedoch in einem wissenschaftlichen Artikel ausformuliert hat, sind mit Sicherheit mehr als drei Quellen zum fleißigen zitieren erhältlich, wahrscheinlich hinter einer Pay-Wall versteckt, was jedoch den bei einer wissenschaftlichen Institution beschäftigten Wissenschaftler nicht weiter stören muss, da diese ja zumeist freien Zugriff auf diese genießen können.

Zugesicherte Recherchetiefe
In meinem Blog sicher ich mal gar nix zu. Verfasse ich jedoch einen wissenschaftlichen Artikel, so verspreche ich gleichsam damit dem Leser/der Leserin, dass ich alle möglichen Artikel, Veröffentlichungen, Sammelbände und Grundlagenwerke zum Thema – zumindest – gesichtet habe. Das ist ein m.E. wirklicher Vorteil von wissenschaftlichen Veröffentlichungen. Der Autor/die Autorin weiss aller Wahrcheinlichkeit – zumindest in theoretischer Art und Weise – von was er/sie spricht. Wenn er/sie sich auch (s. Veröffentlichungsfrequenz)  nicht allzu oft zu Wort meldet.

Humor(losigkeit)
Die ganze Last der Wissenschaft resultiert dann nun leider in einer gewissen Humorlosigkeit. Klar. Wenn ich nicht meine Gefühle ausschreiben darf, objektiv sein soll, meine Aussagen absichern, … das schließt doch schon Sprachspiele und Spielchen jedwelcher anderen Art aus. Humorlosigkeit in wissenchaftlichen Ausarbeitungen muss aber auch nicht per se schlecht sein. Immerhin kann man den (versuchten und verruchten) Humor dann schon nicht falsch verstehen. 🙂

Standardisierung
O.k. … was zur Folge hat, dass wissenschaftliche Beiträge sehr viel mehr standardisiert sind als Blog-Beiträge. Mit eben den dadurch entstehenden Vor- wie eben auch Nachteilen.

Mehr?
Damit nur her! 😉

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11 Antworten auf „Bloggen vs. Schreiben in der und für die Wissenschaft“

  1. Ich lese Blog-Artikel viel lieber als wissenschaftliche Aufsätze – das gilt jedoch vor allem für deutschsprachige Aufsätze. Die englischsprachige Wissenschaftsliteratur ist m. E. viel lebendiger und spannender zu lesen.

    Und wer gibt denn eigentlich vor, wie wissenschaftliche Texte auszusehen haben? Es ist traurig, dass in Deutschland noch immer gilt: Je unverständlicher und humorloser der Text, desto wichtiger muss der Inhalt sein. Natürlich gibt es Themen, bei denen man eine abstrakte Sprache mit vielen Fremdwörtern benutzen muss, in vielen Fällen könnte man jedoch wesentlich leserfreundlicher schreiben, wenn man sich nur etwas anstrengen würde.

    Blogs sind für mich auch ehrlicher – da hat jemand (meistens) ein wirkliches Anliegen, das er diskutieren möchte. Bei wissenschaftlichen Aufsätzen ist die Motivation leider häufig, einfach möglichst viel zu publizieren, egal, ob der Inhalt einen wirklich interessiert oder nicht.

    1. hey, @medienistik, Du hast einfach recht!!!! Es ist ja nicht ZWANGSWEISE so, dass wissenschaftliche Artikel NICHT lebendig und NICHT spannend geschreiben sind. In Englich geht’s ja (offensichtlich) auch! … Danke den Hint! 🙂 … So groß ist dann der Unterschied (zwischen Bloggen und wissenschaftlichem Schreiben) doch nicht (bzw. muss nicht sein)… nur vielleicht der GELEBTE Unterschied… und der ist ja bekanntlich…. änderbar/anders lebbar.

  2. Mich beschleicht bei Artikeln für Bücher, Zeitschriften und manchmal auch bei Gastbeiträgen in Blogs(!) das Gefühl, dass anders als beim persönlichen/eigenen Blog die Motivation anders gestaltet ist. (Vgl. Medienistik 2012 in Lernspielwiese zu „wirkliches Anliegen“) Selbstbestimmung und Selbststeuerung beim Verfassen von Artikeln spielen für mich eine wichtige Rolle.

  3. „… hinter einer Pay-Wall versteckt, was jedoch den bei einer wissenschaftlichen Institution beschäftigten Wissenschaftler nicht weiter stören muss, da diese ja zumeist freien Zugriff auf diese genießen können.“

    Wo? Ja, man kommt einfacher an manche Artikel als jemand außerhalb der Uni – je nachdem, was die jeweilige Bibliothek gerade im Programm hat. Oft genug knalle ich aber auch mit dem Kopf gegen eine Bezahlmauer.

    Und wenn man Ratgeber zum wissenschaftlichen Arbeiten aufschlägt, etwa „Wissenschaftstheorie und wissenschaftliches Arbeiten“ von Martin Kornmeier, dann wird darin meist auch betont, die Qualität einer Arbeit komme gerade nicht dadurch zur Geltung, dass möglichst viele Fremdwörter verwendet werden, man einen möglichst staubtrockenen Sprachstil wählt und Verwaltungsdeutsch benutzt oder möglichst komplexe Sätze formuliert, deren Inhalt ja nur „Wissenschaftler“ und „andere Experten“ verstehen sollen. Wäre die Frage, warum sich in deiner Wahrnehmung dennoch so wenige daran halten?

    1. Hi Oliver,
      gute Frage! Warum halten sich in meiner Wahrnehmung so wenige dran?
      Vielleicht handelt es sich bei diese Aussage (Wissenschaftliche Artikel haben nun mal trocken zu sein, wie ein guter Wein 😉 ) ja auch lediglich um einen „Glaubenssatz“ von mir, den ich lange nicht mehr überpüft habe?
      Ich werde meine (wissenschaftliche) Lektüre die nächste Zeit (auch mal) auf dieses Kriterium hin unter die Lupe nehmen.
      Und bin selber gespannt! 🙂
      Eine gute Woche wünscht
      monsi

      1. Du wirst das ganz sicher häufig so „trocken“ vorfinden. Ich bin bloß der Ansicht, dass genau das kein Qualitäts- oder Unterscheidungsmerkmal von wissenschaftlichen Texten ist – oder sein sollte. Wie man’s nimmt.

  4. Liebe Mons,

    erstmal vielen Dank, dass Du das Thema aufgreifst … treibt mich ja derzeit auch um 😉 Ich finde Deine Argumente einleuchtend und nachvollziehbar, stelle mich aber dagegen. Ich glaube gerade nicht, dass ein BLOG nur aus MEINUNG bestehen muss, sondern der kann auch fundiert etwas wieder geben, was Du mit Deinen Artikeln immer wieder beweist.

    Was spricht denn dagegen einen schnellen Artikel zu verfassen, und ggf. darauf hinzuweisen, dass noch Literaturangaben nachgereicht werden, dass es ein „Beta-Beitrag“ ist? Ähnlich sehe ich es mit spitzen Kommentaren und einem anregenden Schreibstil, -> Lies doch mal Norbert Bolz

    Wo ich dir aber völlig zustimmen muss ist, dass man sich selbst zu hohe Hürden legt und dann daran verzweifelt. Im Artikel will man es besser machen, gewitzter und am besten noch zwei Extra-Zitate verpacken, am besten von Autoren die renommiert sind, die man aber noch nicht in Gänze verstanden hat.

    PS: Habe mal Deinen Beitrag mal bei mir verlinkt 😉

    1. O.k. jetzt ist er fällig, der Norbert Bolz! 🙂
      Danke fürs Verlinken… und ich werde über Lektüre und Erkenntnisse definitiv berichten. Hier oder im Café!

      m

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