Arbeitsergebnis 2 #blogsprint … mit herzlichem Dank an Heiko!

Bildquelle.

***ACHTUNG: Dieser Beitrag ist im Rahmen des 1. Blogsprints (ever) entstanden. Mit diesem Text schmücke ich zwar jetzt meinen Blog, Urheber war jedoch – zumindest zum allergrößten Teil – Heiko Idensen, dem deshalb jegliche “Credits” gebühren.****

Heikos Ausflüge in die Theoriegründe  der 80er/90er Jahre :-)

Theoretische “Hintergründe” kollaborativer Theorie-Arbeit

Rhizom

Als Metapher der postliterarischen Kultur wird das Rhizom in der Netzkultur der neunziger Jahre verwendet, um Verknüpfungen von nichthierarchischen Netzwerken zu beschreiben. Das wesentliche Merkmal eines Rhizoms ist, daß an jeder beliebigen Stelle einer Sturktur neue Verzweigungen entstehen können. Abgeleitet aus einem biologischen Fachbegriff (unterirdische Wurzelknollen) anvanzierte der Begriff in der Theoriedebatte der 80er Jahre zum emphatischen Gegenmodell zu hierarchischen Machtstrukturen überhaupt und verbreitete sich, ausgehend von Deleuze/Guattaris “Anti-Ödipus”, in den unterschiedlichsten Diskursen. Es ist insofern ein dynamischer, fließender, auch unscharfer Begriff. Ein Rizom kann genauso eine soziale Formation sein (Massen, Meuten, herumstreunende Jugendbanden, Guerilleros), wie es auch semiologische, kulturelle, technologische Netzwerke beschreiben kann.
Die topologische Metapher vom Rhizom eignet sich ideal als Denkmodell für hypermediale Diskursverknüpfungen.
Die Charakteristika einer rhizomatischen Struktur sind die folgenden:
“a) Jeder Punkt des Rhizoms kann und muß mit jedem anderen Punkt verbunden werden.
b) Es gibt keine Punkte oder Positionen in einem Rhizom; es gibt nur Linien.
c) Ein Rhizom kann an jedem Punkt abgebrochen oder neu verbunden werden, indem man einer der Linien folgt.
d) Das Rhizom ist anti-genealogisch. [...]
f) Ein Rhizom ist kein Abdruck, sondern eine offene Karte: es kann abgebaut, umgedreht und beständig verändert werden. [...]
h) Niemand kann eine globale Beschreibung eines ganzen Rhizoms liefern; nicht nur weil das Rhizom multidimensional kompliziert ist, sondern auch, weil seine Struktur sich in der Zeit ändert; darüber hinaus gibt es [...] auch die Möglichkeit widersprüchlicher Schlüsse [...]
j) An keinem seiner Knoten kann man die globale Ansicht aller Möglichkeiten haben, sondern nur die lokale Ansicht der am nächsten gelegenen [...] und denken heißt, nach dem Weg zu tasten. Das ist der Typ von Labyrinth, an dem wir interessiert sind. Er stellt ein Modell für eine Enzyklopädie als regulative semiotische Hypothese dar.”
(Eco, Umberto: Im Labyrinth der Vernunft. Texte über Kunst und Zeichen, Leipzig 1990, 106, 107)
(vgl. http://www.rhizome.org und Richard Barbrook: Die heiligen Narren. Deleuze, Guattari und die High-Tech Geschenkökonomie, http://www.heise.de/tp/deutsch/special/med/6344/1.html)
und Stefan Wray: Rhizomes, Nomads, and Resistant Internet Use:
Sehr beispielhaft an literarischen Experimenten wird das Generative und Kolloborative von Textproduktion deutlich in:
… darin findet sich dann auch mein Lieblingszitat aus Rhizom, so eine Art Manifest, versteckt in den Fussnoten, die für mich so eine Art “früher Hypertext” waren:
“[2] Den Gebrauch eines Buches als Werkzeug radikalisieren Gilles Deleuze und Félix Guattari als Gebrauchsanweisung in einem der ersten Theorie-Hypertexte: “Und Proust, dessen Werk voller Bedeutungen stecken soll, meinte, dass sein Buch wie eine Brille sei: probiert, ob sie euch paßt; ob ihr mit ihr etwas sehen könnt, was euch sonst entgangen wäre [...]. Findet die Stellen in einem Buch, mit denen ihr etwas anfangen könnt. Wir lesen und schreiben nicht mehr in der herkömmlichen Weise. Es gibt keinen Tod des Buches, sondern eine neue Art zu Lesen.” Deleuze, Gilles, u. Guattari, Félix,Rhizom, Berlin 1977 (Paris 1976), S. 40.
Das ist doch witzig, Text als Werkzeugkiste, oder?
… dabei ließe ich keine Gelegenheit aus, den AUTORENBEGRIFF – oder vielmehr die AUTORFUNKTION anzugreifen:
autorisieren
Es hat nie wirklich Autoren gegeben.
Am Anfang war ein Text? Und der Text generierte andere Texte, überlagerte sich mit Bildern, Metaphern, Briefen, Schriftrollen, Traumresten, Einritzungen …
Jemand hatte das alles gehört und aufgeschrieben: die Märchen, die Mythen des Alltags, abgeschrieben und heruntergeladen aus dem Internet. Die Wolken, die vorüberziehen. Andere hatten weitergeschrieben, korrigiert, gelöscht, umgeschrieben, übersetzt, Briefe verschickt, Reden gehalten, Lieder gesungen, Theaterstücke aufgeführt … aber Autoren, die hat es niemals gegeben, nur Texte …
“Odysseus reist durch eine nur in der Sprache geborene Erlebnisidee, in die reale Erinnerungsmomente eingeflossen sind, ohne daß sie direkt in einen aktuell sich ereignenden Lebenszusammenhang eingebettet wären. Unmittelbar erlebt ist allein der epische Text im Vollzug seines Entstehens und seiner Wahrnehmung. Ob dahinter eine wie in diesem Fall plurale Autorschaftsteht, die sich der Obersignatur Homers bedient, oder ob es wie beispielsweise für Vergils ,Aeneis` eine personal konkretisierbare Autorschaft wäre, ist nicht von entscheidendem Belang.
Wesentlich ist die unmittelbare und vor allem wiederholbare Erlebnispräsenz von Sprache und daraus resultierendem Werk, in der sich Urheber und Nutzer treffen”
(Kleinschmidt, Erich (1998): Autorschaft. Konzepte einer Theorie. Tübingen und Basel, 45).
Jeder Text ist Bestandteil verschiedener textproduktiver und – rezeptiver Prozesse: Textmaschinen, Sprachspielen, Auf- und Entladungen, Referenzen, die sich aufbauen, abbrechen, vertiefen und vernetzen … Differenzen und Wiederholungen von Lese- und Schreibakten …
“aber Autoren, die hat es niemals gegeben, nur Texte”… Du bist…. #radikaler als ich … dachte!
Germanistik-Studium in Hannover in den späten 70er Jahren:
2 Semester Streik gegen die EInführung eines Mittelhochdeutsch-Kursese :-) :) #ilike
Sehr schöne Beispiele fanden wir natürlcih immer wieder bei den Romantikern und den Surrealisten:#
Wunderbarer Ausdruck: Symphilosophieren :-)

Symphilosphie/Sympoesie:

das romantische Kunstwerk als gemeinschafticher Prozeß
Die romantischen Netzwerke generierten zum Ende des 18. Jahrhunderts ein intensives Feld wechselseitiger Anregungen und geistiger Durchdringungen. In einer ausgeprägten Salonkultur blühte die Kunst der Konversation in vielfältigen Gestalten auf und führte zu hybriden ästhetischen Produktionsformen wie Korrespondenzen und Briefromanen mit teilweise verteilten Autorschaften.
So finden sich etwa in der 1798 herausgegeben Zeitschrift “Athenaeum” 451 Fragmente, die in Kollaboration zwischen dem Herausgeber Friedrich Schlegel und Friedrich von Hardenberg (Novalis) sowie Friedrich Schleiermacher entstanden sind und ohne Markierung des Autornamens abgedruckt wurden. Hinter dieser Praxis stand die Idee des Symphilosophierens:
“Vielleicht würde eine ganz neue Epoche der Wissenschaften und Künste beginnen, wenn die Symphilosophie und Sympoesie so allgemein und so innig würde, daß es nichts seltnes mehr wäre, wenn mehrere sich gegenseitig ergänzende Naturen gemeinschaftliche Werke bildeten.”
(Friedrich Schlegel in einem Brief an seinen Bruder August Wilhelm, zit. nach: Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher. Schriften auf der Berliner Zeit 1798-1799, Kritische Gesamtausgabe Bd. 2, Berlin 1984, Historische Einführung des Herausgebers Hans-Joachim Birkner, S. XXXII)
Diese gemeinschaftliche Praxis wird sicherlich auch von romantischen Verschmelzungswünschen angetrieben. Im selben Brief schwärmt Schlegel von einer “Kunst, Individuen zu verschmelzen” und entwirft ein Programm teilnehmender Kritik, die eben solche “fantastischen Kombinationen” verschiedener Autoren vornehmen kann (durchgespielt am Beispiel von Jean Paul und Peter Leberecht). Ganz praktisch leben die Romantiker aber auch schon frühe Formen von Wohngemeinschaft[40], Frauenenmanzipation, und freier Liebe, was sie in dieser Hinsicht zu Vorläufern der Studentenbewegung macht.[41]
Die Intention des Symphilosophierens war radikaldemokratisch, die außerakademischen gemeinschaftlichen literarischen Produktionsformen fanden ihren Ausdruck in einem kompromißlos freien Ideenaustausch bis hin zu deren Verwertung.[42]
QUELLE:
Aus einer kleinen Enzyklopädie des Netzwerkens
Stichworte zu einem “NetzKunstWörterBuch”
(hrg. von Kurd Alsleben, Antje Eske, Hamburg 2001)
nur noch ein Zitat – dann kommen wir endlich zu deinem Erfahrungsbericht, ok?
Ich habe es gefunden – beschreibt eine schöne Fake-Praxis bei Godard …
die Sprache damals war irgendwie immer Manifest-artig :-)
Sehr schön am Ende die Parole:
“mp3 is free – why not txt?” von textzcom

fakes & fälschungen

Jeder Text ist Bestandteil verschiedener textproduktiver und -rezeptiver Prozesse: Sprachspiele, Auf- und Entladungen, Referenzen, die sich aufbauen, abbrechen, vertiefen und vernetzen … Differenzen und Wiederholungen von Lese- und Schreibakten.
“Die Netzkritik sollte Websites machen, statt zu kritisieren. Oder aber Netzkritik wie Websites machen. Ihre Staerke, als sie Netzkritik machten, bestand darin, dass es keine Kritik war. Sie sprachen als Programmierer ueber die Websites anderer Programmierer”
[8]… sagt Sebatian Luetgert alias Rolux in ‘seinem’ Text “Einführung in eine wahre Geschichte des Internet”, in dem er den klassischen Text “Einführung in eine wahre Geschichte des Kinos” von Jean-Luc Godard aus dem Jahre 1980 ‘umschreibt’ – größtenteils mit der Funktion “suchen und ersetzen”. Ein paar Worte und Satzteile werden ausgetauscht – und somit wird der subversive Subtext vom Kontext “Kino” auf den Kontext “Internet” verschoben. Diese Technik und Schreibweise ist dem Medium und dem Thema gleichermaßen angemessen: Eine wahre Geschichte des Kinos bzw. des Internets kann man nicht schreiben. Das Kino bzw. Internet besteht aus bewegten Bildern, Tönen, aus Texten, die hin- und hergeschickt werden, die vervielfältigt, verändert, umkodiert, übersetzt, umgedreht … werden.
Solche simplen Maskierungen und Verkleidungen, solche Sprachspiele und generativen Texttransformationen lassen den eigentlichen Ort textschöpferischer Produktivität leer – eben jene berühmte und berüchtigte ‘Leerstelle des Textes`, die in wechselseitigen Text-Rezeptions- und -Produktions-Prozessen immer wieder neu besetzt wird.
Auch schon in frühen Reflexionen zu Textualität und Autorschaft klafft diese Lücke, diese Leerstelle, der slash zwischen Signifikat und Signifikant, den die Moderne/Postmoderne dann so wild und emphatisch bearbeitet hat, der Zwischenraumzwischen den Texten.
Wie wird die Autorenschaft in kollaborativen Schreibprojekten kulturell kodiert? Wie repräsentieren sich kollektive Äußerungsgefüge und welche Optionen finden sich in den Interfaces, in der Software[9], in den Netzprotokollen?
Mit Fernbedienung, Internetanschluss, Digitalkamera, Scanner, Texterkennungs- und Textverarbeitungssoftware ausgestattet, ist heutzutage prinzipiell jeder User/Empfänger/Leser in der Lage, in diesem Raum zwischen den Texten zu operieren: abweichende Dekodierungen, Bedeutungs-Umdrehungen und Neu-Zusammenschnitte an jedwedem Material vorzunehmen – sei es aus Spaß, aus Verdruss, aus Langeweile, als Bastelei, als ein künstlerischer oder politischer Akt oder eine Intervention im Sinne einer ‘semiologischen Guerilla‘:
“mp3 is free – why not txt?” [10]
…. hatte schon überlegt, das ganze Zeug mal in ein freies ebook zu pasten …
Unbedingt! (M.L.)
Klasse!
Mehr davon!!!!

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7 Responses to Arbeitsergebnis 2 #blogsprint … mit herzlichem Dank an Heiko!

  1. Pingback: BlogSprint in Progress (live) | . NetzFaktorei

  2. Pingback: Eignet sich Skype für kollaboratives Arbeiten? | Minsworld

  3. Pingback: Wenn Social-Media-ManagerInnen im Team arbeiten – in Echtzeit | Heisti

  4. Pingback: geekchicks.de » Daily Digest 07.07.2012 - the cheeky kind of geeky

  5. Pingback: Blogsprint #1: Mein Recap am Morgen danach | Leben und Lernen im Web 2.0

  6. … mit “fremden Federn schmücken” … das ist doch gerade die Grundgeste jeglichen zitierens – und deshalb wohl kaum verwerflich :-)
    … wobei “meine” Eigenzitate ja wiederum auch größtenteils Cut-Ups aus fremden Texten sind …
    … insofern möchte ich wieder mit einem meiner Lieblingszitate zu den verschiedensten Rollendifferenzierung des (mittelalterlichen) Schreibens kontern, ich hatte schon mal angefangen, diese Funktionsweisen auf das Schreiben, kommentieren, retteten und kuratieren von Texten im Social Web “umzuschreiben” – finde den Text aber gerade nicht:
    “… Solche Wiederaneignungen des Textkörpers durch Schreib- und Korrekturübungen für Leser direkt am Drucktext rufen geradezu die kunstvoll abgestuften Differenzierungen verschiedenster Schreib-Operationen im Kontext mittelalterlicher Manuskriptkkultur ins Gedächtnis, die ein breites Spektrum diskursiver Rollenverteilungen aufführen, von denen wir heute nur noch träumen können: “Es gibt vier Arten, ein Buch zu machen. Man kann Fremdes schreiben, ohne etwas hinzuzufügen oder zu verändern, dann ist man ein Schreiber (scriptor). Man kann Fremdes schreiben und etwas hinzufügen, das nicht von einem selbst kommt, dann ist man ein Kompilator (compilator). Man kann auch schreiben, was von anderen und von einem selbst kommt, aber doch hauptsächlich das eines anderen, dem man das Eigene zur Erklärung beifügt, und dann ist man ein Kommentator (commentator), aber nicht ein Autor. Man kann auch Eigenes und Fremdes schreiben, aber das Eigene als Hauptsache und das Fremde zur Bekräftigung beifügen, und dann muss man als Autor (auctor) bezeichnet werden.”[12]
    http://www.netzliteratur.net/idensen/Schnittstellen_Siegen.html

    [12] Illich, Ivan, Im Weinberg des Textes. Als das moderne Schriftbild entstand. Ein Kommentar zu Hugos “Didascalicion”, Frankfurt a. M. 1991, übers. v. Ylva Eriksson-Kuchenbuch, Originaltitel: L’Ere du livre, Paris 1990, S. 112

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