Exkurs in Form von Prämissen und Thesen zu Nähe und Distanz im virtuellen Raum

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Zwar ist mein Blog vorwiegend Publikationsorgan, insbesondere in letzter Zeit für meine (nicht Veranstalter- sondern) Teilnehmer-Aktivitäten im Rahmen des #mmc13. Sofern ich dazu komme. Gelegentlich verwende ich es aber auch zur Dokumentation meiner Überlegungen zu einem Thema, das mich antreibt, wie z.B. dasjenige, warum es vielen Menschen so schwer fällt, von Unterricht offline zu Unterricht online zu wechseln. Also als schnödes Lern- und Überlegens-Tagebuch.

Meine „Theorie“ zur Thematik: Lehren (und lernen) kann als Aushandlungsprozess von Nähe und Distanz verstanden werden, und das geht offline anders als online. Meine Prämissen und Thesen (bisher) dazu im Folgenden.

In der Hoffnung, meine Stamm-Leserinnen durch die Andersartigkeit des Artikels nicht zu „vergträtzen“. Im Zweifelsfalle einfach ignorieren. Ab Morgen gibt’s wieder wie gewohnt Input. 😉

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Prämisse 1

Der Kern pädagogischen Handelns sind Mechanismen der Herstellung von Nähe und Distanz (vgl. Oevermann, 1996).

Prämisse 2

Mechanismen der Herstellung von Nähe und Distanz im virtuellen Raum sind qualitativ (und quantitativ) andere als in sog. Face-to-Face-Situationen.

Prämisse 3

Diese Mechanismen der Herstellung von Nähe und Distanz im virtuellen Raum sind beobachtbar und beschreibbar.

Prämisse 4

Z.B. im Rahmen der ethnomethodologischen Medienforschung.

These 1

Voraussetzung für das Entstehen einer Lehr-Lern-Situation im virtuellen Raum ist das wahrnehmbare Bestehen eines Raumes der (potentiell) Beteiligten.

These 2

Aufgespannt wird dieser Raum durch eine Gemeinsamkeit, und zwar einen Bezug zur Thematik. Dabei ist lediglich irgendeine Art von Bezug notwendig, nicht zwangsweise ein ähnlicher Zugang/eine ähnliche Perspektive.

These 3

Damit die Beteiliegten sich gegenseitig als potentielle Lernpartner wahrnehmen können, braucht es eine für diese wahrnehmbare Differenz des Lernstandes.

These 4

Möglicher Ausdruck von Lehr-Lern-Vorgängen sind (wahrnehmbare) virtuelle Artefakte.
[Was ist mit „Lurking“?]

These 5

Faktor Zeit. Zeitpunkte und -dauer des Aufenthaltes eines Lerners im virtuellen Raum sind relevante Eckdaten für Mechanismen der Herstellung von Nähe und Distanz im virtuellen Raum.

These 6

Faktor Streuung. Beteiligte Lerner und Lehrende werden wahrnehmbar über „Spurenlegung“ in verteilten Systemen.

These 7

Faktor Intensität. Es besteht eine kritische Anzahl an wahrnehmbar hinterlassenen Spuren, die notwendig ist, um Wahrnehmbarkeit der Verusacherin zu gewährleisten.

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Oevermann, U. (1996): Theoretische Skizze einer revidierten Theorie professionalisierten Handelns; in: Combe, A., Helsper, W.: Pädagogische Professionalität. Frankfurt a.M., 70-182.

6 Antworten auf „Exkurs in Form von Prämissen und Thesen zu Nähe und Distanz im virtuellen Raum“

  1. Liebe Mons7!

    Ich finde Deine Ideen toll und was es bei mir auslöst atemberaubend. Gerade weil ich die Raummetapher so sehr liebe – und weil ich mich immer immer mit Nähe und Ferne im virtuellen Raum beschäftige – und dazu sogar einen Online-Kurs angeboten habe (gemeinsam mit einem Gruppendynamiker) und wieder einen Online-Kurs im April anbieten werden (diesmal gemeinsam mit einem Psychoanalytiker).

    Oevermann, 1996 kenne ich gar nicht!
    Ich biete ja ein Training an im Moment, virtuell natürlich, online und offen auch. Und gerade heute habe ich mich wieder gewundert, wie nahe mir dei TeilnehmerInnen in unserer geschützen Facebook-Umgebung sind UND wie nahe sie (nur teilweise überlappend) mir auch bei den öffentlichen Hangouts sind, und dass das Du eigentlich ok ist.

    Verfolge Deine Thesen weiter, ich bin dabei 🙂 jupidu

  2. Mir kommen diese Thesen auch sehr nahe 🙂 Und ich kann vieles assoziieren, von Platon und dem Eros (Unterschied zwischen den beiden Lernenden/Lehrendn) bis zur Organisation von Vorlesungen bei Garfinkel, bei denen eine gemeinsame Zeit und ein gemeinsamer Raum gebildet wird.

    Was passiert eigentlich durch die Anwesenheit von Dritten – also wenn die beiden wissen, dass sie beobachtet werden, und sie die Beobachtung auch beobachten?

    Noch eine Assoziation: Die Spur. Wir verstehen sie meist als Ergebnis von Anwesenheit. Aber bei dir steht sie (wie bei Lévinas) auch für Abwesenheit, Ferne, die nicht aufhebbar ist.

  3. Ihr beiden,
    im Leben hätte ich nicht daran gedacht, dass diesen Artikel jemand kommentieren wollen könnte. Und dann auch noch mit solch Impulsen zum Weiterdenken.
    Ich mache weiter. Frisch motiviert von euch. 🙂
    Und Jutta, ja, der Oevermann ist eher Soziologe, deswegen ist der nicht so in unserem „Blickfeld“.
    Herzlich und danke!
    mons7

  4. „Was passiert eigentlich durch die Anwesenheit von Dritten – also wenn die beiden wissen, dass sie beobachtet werden, und sie die Beobachtung auch beobachten?“
    beispiel eines gestreamten hangouts: die beobachtung beobachten kann verschiedene formen haben: z.b. über twitter wird sie konkret. der rest derjenigen, die sich nicht äussern aber zuhören, entfacht fantasien darüber, was sie wohl denken, fühlen, wünschen, erwarten 😉 fantasien haben die tendenz zu überborden, je nach strenge des über-ich unterschiedlich 😉

    1. Der/die Dritte als … … nun ja, irgendwie zumindest ein Faktor bei diesen Mechanismen. Da muss ich noch einen konkrete These draus machen. UND! Auf sowas wär ich ehrlich gesagt nicht selber gekommen!!!!!!!!!! Obwohl es mir absolut spontan einleuchtet! Danke Jutta!

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