Thesen zum Netzlernen

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Foto von Kamillo KluthLizenzQuelle.

Mir gehen immer mal wieder ein paar Thesen zum Netzlernen durch den Kopf. (Mit dem, was ich meine, ist eventuell das Wort Web-Lernen besser geeignet.) Und wieder verloren. Deshalb habe ich die von heute flugs niedergeschrieben. Damit ich wieder auf diese zurückgreifen kann, bei Gelegenheit, aber auch, um sie euch zur Diskussion und zum Kommentieren vorzuwerfen. 😉

These 1

Netzlerner agieren gleichzeitig als Netzlehrer.

Oder doch nicht GANZ gleichzeitig. Es ist eher ein fluides hin und her wechseln, zwischen dem einen und dem anderen Modus. Als Beispiel möchte ich euch das Verhalten der Teilnehmerinnen im Workshop Rapid Video Production präsentieren, an dem ich gerade auch teilnehme. Dort stelle ich z.B. ein Video auf eine Aufgabenstellung hin ein, das dann von anderen Teilnehmerinnen durchaus hilfreich kritisiert wird. Oder es werden Ressourcen und Erfahrungen eben auch von Teilnehmerinnen eingebracht. Nicht nur von der Workshop-Leiterin, deren Rolle in einem klassischen Lehr-Lern-Setting das Exklusiv-Recht inne hätte.

These 2

Aufgaben und Handlungen Lehrender werden an nicht dafür vorgesehene “Netzbestandteile” delegiert. Delegation heißt im Zweifel (auch) Selbstdelegation.

Lehrende im klassischen Sinne gibt es beim Netzlernen zwar nicht, jedoch typische Handlungsweisen. Wie z.B. das in These 1 erwähnte Feedback-Geben. Oder das Bewerten. Oder das Aufbereiten/Umbereiten von Information. Oder Bereitstellen von Ressourcen.

Nimmt keine Instanz im Netz eine benötigte Handlungsweise wahr, wird diese u.U. vom Lerner selbst als Aufgabe wieder aufgenommen.

These 3

Der Eintritt in hybrides Lehr-Lern-Verhalten bedingt Grundqualifikation an Agitationsfähigkeit im Netz.

Konkret muss der Lerner fähig sein, ins Netz hineinzuschreiben. Bzw. ein (zumindest) erstes Artefakt zu produzieren, auf das jemand anderes hin wiederum reagieren kann. Hohe Zugriffs- und Reaktionszahlen können dabei den Prozess der Hineinsozialisation in eine Community stark beschleunigen.

These 4

Vorwiegende Verwendung von Lob (statt Sanktion) folgt aus der Selbstwahl der Lehrendenaufgabe ohne institutionellen Auftrag.

Die Lehrenden-Aufgaben werden dabei ohne institutionellen Auftrag übernommen. Dies, da es keine Institution/Instanz gibt, die dazu berechtigt wäre/die das könnte. Zudem gibt es ja – wie in These 2 konstatiert – im Netz nicht den Lehrenden an sich, sondern verteilte Lehrenden-Arbeiten.

Was der Grund dafür sein mag, dass lieber gelobt, denn kritisiert wird, in diesem Netz. Dies wurde seinerzeit von Christian thematisiert. Und ich hatte bisher GAR keine Idee, warum dem so sein könnte (stimme aber zu, dass Lob wesentlich öfter vorkommt, denn Kritk).

These 5

Das überhaupt Machen/sichtbar werden von Artefakten wird als erster Schritt und Ausgangspunkt der Auseinandersetzung positiv belegt.

Auch mögen lobende Kommentare beim Netzlernen deshalb als (im Vergleich) verhältnismäßig häufig vorkommen, da (vgl. These 3) Agitationsfähigkeit grundlegend ist, um an Diskurs überhaupt teilnehmen zu können. Jegliches Sichtbar werden muss also (zumindst noch) als positiv wahrgenommen werden.

Soweit von der Lehr-Lern-Netz-Front. 😉

 

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3 Antworten auf „Thesen zum Netzlernen“

  1. Hallo Monika!
    Die Überlegungen zu der stärkeren Verwendung von Lob statt Kritik finde ich interessant. Was mir dazu einfällt ist einerseits der in der Regel immer wieder verwendete Hinweis zu Netiquette, andererseits aber auch die Nicht-Notwenigkeit zum Schreiben. Wenn etwas missfällt, kann man es noch einfacher ignorieren als im Alltag außerhalb des Netzes. Schreiben ist aufwändig, warum also die Zeit auf Unangenehmes verwenden? Auf jeden Fall Dank für den Hinweis. Werde in der nächsten Zeit mal verstärkt darauf achten.

  2. Ich denke noch ein wenig nach, inwiefern ich z.B. den Rapid Video-Workshop als Lern-Lehr-Setting gelten lassen mag 😉 Ich selbst hoffe eigentlich eher, dass es uns glückt, eine verhältnismäßig konzentrierte Arbeitsatmosphäre zu schaffen. Rund um ein Thema, das dann von einem Experten oder einer Expertin grundlegend aufbereitet wird, aber dann durchaus von allen Interessierten konstruktiv bearbeitet wird. Und dabei lernen dann alle Beteiligten by-the-way, logisch.

    Eine gute Feedback-Kultur aufzubauen, die konstruktiv ist und unterschiedlichen Menschen gerecht werden kann, ist eine Kompetenz, die wir allesamt im Netz noch lernen müssen. Meines Erachtens könnte uns ein Blick in den englischsprachigen Bereich helfen. Ich sehe dort einen weit differenzierteren, auch subtileren Umgang mit Kritik – auf beiden Seiten. Hier haben wir allesamt noch Nachholbedarf. Das stimmt und möchte ich im Rahmen der Herbst-Professionalisierungskampagne auch angehen.

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