#acwri – was ist das? Dennis Fassing im Interview zu akademischem Schreiben in kollaborativ

Lieber Dennis,

Dennis_Fassing

erst einmal meinen herzlichen Dank, dass Du mir für ein Interview zur Verfügung stehst! Das weiss ich sehr zu schätzen!!
Der Anlass dazu ist ja, dass ich kürzlich auf #twitter entdeckt habe, dass Du unter einem mir unbekannten #Hashtag twitterst. Und zwar #acwri.Um was handelt es sich dabei?

Vielen Dank für das Angebot, darüber zu reden.
Den #acwri-Hashtag gibt es meines Wissens schon etwas länger. Er steht für Academic Writing und wird vor allem im Bereich der angloamerikanischen Schreibdidaktik genutzt. Wir haben irgendwann angefangen, ihn ebenfalls zu nutzen, um auch in der (noch jungen) deutschsprachigen Schreibdidaktikszene ein wenig Aufmerksamkeit auf das Schreiben legen zu können. Es gibt davon übrigens einige kleinere Kategorien, wie #acwrigo (Academic Writing Groups Online) und #acwrimo (Academic Writing Month)

Wie bist Du dazu gekommen/darauf gestoßen?

Ich glaube, ich habe den Hashtag das erste Mal bewusst durch Daniel Spielmann (Twitter: @Spani3l) gesehen. Er hat uns einen Social-Media und Digital Literacy Workshop im Schreibzentrum gegeben und dabei mich und andere darauf gebracht, dass das Schreiben und Arbeiten in digitalen Umgebungen sehr vielversprechend sein kann. Es gibt da einen kommunikativen Mehrwert, den man sich erst erarbeiten muss, den man aber nicht mehr missen möchte, sobald man einmal drin ist. Über Daniels Engagement hat sich dann eine kleine Gruppe gebildet, die sich im deutschsprachigen Raum digital vernetzen will. Das haben wir unter anderem über Google Hangouts, eine Google+-Gruppe und über Twitter gemacht. Und da kam dann eben der Hashtag mit ins Spiel.

Wer ist da alles dabei? Kenne ich da noch jemanden?

Zu Beginn waren wir in erster Linie studentische Peer Tutor*innen aus Frankfurt am Main und Hamburg, nach kurzer Zeit kamen dann noch Leute aus Frankfurt/Oder und Hannover hinzu. Wichtige Twitterhandles von aktiven Leuten sind @nora_peters, @linguri90, @BStark4, @saschadieter, @enaira0815 und eben @Spani3l.

Was ist Dein – also Dein ganz ganz persönlicher – Nutzen bei der ganzen Sache?

Mein persönlicher Nutzen ist sowohl eine bessere Kommunikation und die ganzen Mehrwerte, die durch kollaborative Arbeit entstehen. Schreiben (egal in welchem Kontext) kann eine anstrengede Sache sein, sie geht manchmal schwer von der Hand, es fehlt die Motivation. Man hat manchmal einfach keine Lust und kann den inneren Schweinehund nicht besiegen. In der Gruppe fällt es mir leichter, meine Motivation wiederzufinden. Wenn ich laut in Twitter klage, dass im Moment gar nichts geht, melden sich unter dem Hashtag #acwri vielleicht andere Leute und zeigen mir, dass auch sie an einem Samstagabend daheim sitzen und gerade an etwas arbeiten. Das beflügelt mich dann, weiterzumachen, dann will ich auch Ergebnisse vorzeigen – und nicht zwei Stunden später schreiben müssen, dass ich stattdessen den ganzen Abend Promi-Bigbrother geschaut habe.

:)) #ilike witzig bist Du ja auch noch!

Merci 🙂

 Schreiben anstrengend! Ja! Aber bei Dir sieht es so leichtfüßig aus?

Es freut mich, dass das einfach aussieht, aber das ist es nicht – für mich genausowenig wie für viele andere, nehme ich an. Das ist ein ganz wichtiger Aspekt daran, Schreibprozesse unter Hashtags wie #acwri öffentlich zu machen. Wir wollen zeigen, dass das Schreiben ein komplexer Prozess ist, gerade, wenn es, wie in so vielen Kontexten, nicht freiwillig ist. Das Verfassen einer Hausarbeit, eines journalistischen Artikels oder einer Bewerbung sind immer (auch selbstgewählte) Auftragsarbeiten, unsere Performance wird dabei bewertet. Das kann für Schreibende sehr stressig werden, gerade bei akademischen Texten, die eben sehr komplex sind. Es fehlt an der Hochschule (und auch anderswo) ein offener Dialog über das Schreiben, viele lassen sich nicht gerne in die Karten schauen. So bekommen gerade Studierende oft den Eindruck, dass ihre Lehrenden ihre fertigen Texte einfach so in einem Guss runterschreiben. Das kann sie verunsichern, da sie sich die nachvollziehbare Frage stellen, wie sie das nur reproduzieren sollen. Und genau das müssen sie ja gar nicht, Schreiben ist immer ein Lernprozess und darf auch fehlerhaft sein, nur so wird man besser.

Was ist das akademische Schreiben, das Dich gerade umtreibt?

Mein akademisches Schreiben ist im Moment die Vorbereitung zu meiner Dissertation über kollaboratives Schreiben in digitalen Umgebungen und die eventuellen Veränderungen für den Begriff der Autorschaft. Ich bin also auch wissenschaftlich mitten im Thema und benutze diesen Hashtag auch als meine persönliche Spielwiese, zum ausprobieren von Dingen. Je mehr Aktivität stattfindet, umso besser kann das letztlich auch für meine eigene Forschung zu dem Thema sein.

Das heisst, Dein Fachgebiet ist….. Germanistik?

Genau, Germanistik. ich habe in Frankfurt Neuere Deutsche Literatur und Kinder- und Jugendliteratur studiert. Die Arbeit wird aber dennoch eine Arbeit im Bereich der Schreibdidaktik und Schreibforschung, da das meine momentane Anstellung ist. Ich arbeite seit 2009 im Schreibzentrum der Goethe-Universität, habe das im Laufe der Zeit als meine Berufung gefunden und werde auch versuchen, weiter in diesem Gebiet zu arbeiten.

Das heisst, der #Hastag #osgffm ist auch ein Dir ureigener?

Nein, der geht aufs Konto von @linguri90. Er hat mit einer weiteren Kollegin, @enaira0815, die Offene Schreibgruppe der Uni Frankfurt gegründet. Das ist ein Angebot unseres Schreibzentrums, ein Schreibraum, der sich jeden Freitag von 13-19 Uhr in Raum IG 4.413 (? muss ich nochmal nachschauen) trifft.

 

Im Moment kommen dort bis zu zehn Personen und nehmen ‘analog’ teil. Gleichzeitig versuchen wir alle, die Sache durch den Hashtag #osgffm bekannt zu machen und andere Leute (auch digital) ins Boot zu holen. Ich bin zum Beispiel jemand, der sehr gut daheim arbeiten kann, ich brauche meinen eigenen Schreibtisch als ideale Lernumgebung. Daher ist es für mich ideal, dass ich bei der Gruppe via Twitter dabei sein kann, ohne wirklich physisch vor Ort sein zu müssen. Und da es dabei um akademisches Schreiben geht, docken wir es natürlich auch an #acwri an.

Wow! Vielen Dank für das aufschlussreiche Interview… die Informationen … und Deine persönlichen Eindrücke! Da möchte ich mich gerne anschließen und verbleibe bis auf weitere #acwri-Abenteuer!

Vielen Dank für die Chance, es ist sehr spannend, darüber mal zu reden und wir freuen uns natürlich über jeden, der sich uns da anschließen möchte. Je mehr mitmachen, desto besser. Je transparenter Schreiben wird, umso leichter wird es eventuell. 🙂

6 Antworten auf „#acwri – was ist das? Dennis Fassing im Interview zu akademischem Schreiben in kollaborativ“

  1. Danke auch von mir für dieses Interview, @mons7. #Acwri wird in erster Linie von @DrJeremySegrott und @dratarrant betreut. Letztere war vor einiger Zeit noch bei @PhD2Published tätig und hat dort dann die Idee zum #acwrimo entwickelt und umgesetzt. Das in diesem Kontext entstandene Accountability Spreadsheet wurde due to public demand dann auch über den #acwrimo hinaus beibehalten.

    Ich persönlich bin jedenfalls dankbar für jede*n aus der Schreibdidaktik, die/der digitale Medien einerseits auf ihren Lernnutzen und andererseits daraufhin hinterfragt, wie sie unsere Vorstellungen von Textualität verschieben. Digitale Schreibumgebungen sind politische Werkzeuge – ob man das wahrnimmt oder nicht. Auch sich wegducken und Schreiben weiter konsequent analog denken ist ein politischer move. Den jedoch bekomme ich mit meinem (Ideal-?)Verständnis von Schreibdidaktiker*innen als „reflective practitioners“ (Schön 1983) nicht zusammen. Schreibdidaktik, Schreibzentrumsarbeit und Literacy Management müssen sich imho mit digitalen Schreibumgebungen auseinandersetzen, um informiert, professionell und relevant zu bleiben. Und gerade, was den Relevanzaspekt angeht, sehe ich derzeit auch viel mehr Chancen als Gefahren. Wir erleben momentan einen weiteren Gutenberg-Moment – es ist doch eigentlich ein großes Glück, genau heute als Schreibdidaktiker*in unterwegs sein zu können. Dass einige vom Nachwuchs das inzwischen sehen und konstruktiv damit umgehen wollen, garantiert der Disziplin auch während der nächsten Jahren spannende Zeiten.

    1. Lieber Daniel, danke für Deinen ausführlichen Kommentar, der den Beitrag nochmals bereichert! Habe mich gemüht, die Verlinkung hinzubiegen… und gemerkt, dass HTML ja sowas von gar nicht meine Stärke ist. 🙂 … aber jetzt passt’s, oder?
      LG mons7

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