Zur Debatte um offene vs. geschlossene Lernräume – und alles mögliche dazwischen

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Um was geht’s? 
Ein Thema (oder schon fast eine Mission), das (die) mir (herrührend aus meiner eigenen Lernbiographie) am Herzen liegt, ist die Öffnung geschlossener Lernräume – z.B. an der Hochschule. Ein geschlossener Lernraum ist z.B. der Seminarraum oder (aufgrund der pot. Masse der Anwesenden) schon als offener daherkommende Vorlesungssaal, aufs virtuelle übertragen der virtuelle Klassenraum im Learning Management System. Am anderen Ende des Kontinuums ist dann wohl ein MOOC wie der #opco11 zu verorten. Und dann gibt’s noch allerhand dazwischen.

Positionierung(en) und vorgebrachte Argumente
Alle, die mich gelegentlich lesen oder es mit mir persönlich zu tun bekommen haben, werden meine (eher) radikale Einstellung zum Thema schon vernommen haben. LMS abschaffen. Hochschule öffnen. Und zwar schnell. Also etwas entgegengesetzt der Praxis an meiner Institution, nur diejenigen Studierenden und am besten noch nur für die Zeit ins virtuelle Klassenzimmer einzulassen, die auch dann und dahinein “gehören”, in das mit einem Passwort “beschützte” LMS, den Kurs dann noch mit einem Schlüssel geschützt, manchmal auch noch befüllt mit passwortgeschützten PDF-Dokumenten.

Beide Seiten bringen Argumente vor, die ich hier sammeln und nach und nach um Quellen ergänzen möchte.

Argumente

PRO geschlossene Lernräume CONTRA offene
Pg Fehler machen dürfen, ohne dass potentielle Arbeitgeber potentiell mit- und/oder nachlesen können.
Pg/Co – Datenschutz! (s. mehr unten)
Pg/Co – Urheberrecht! (s. mehr unten)

PRO offene Lernräume CONTRA geschlossene
Cg – Lernerleistungen weder weiter-/wieder verwertbar noch relevant.
Cg – Lerngruppen zu klein und gemeinsame Zeit zu kurz, als dass eine FachCommunity entstehen könnte.
Po – Potentielle Kontakte mit bereits bestehenden Mitgliedern einer FachCommunity
Po – Einübung unüblicher Textsorten (inhaltliche und formale Anforderungen)

Anmerkungen zu den (derzeitigen) Rahmenbedingungen – Urheberrecht und Datenschutz
Bildungsinstitutionen zeigen wenig Aktivität in Richtung auf Öffnung. Die Mehrzahl der Lehrenden ebensowenig. Was auch verständlich ist, angesichts von den derzeitig bestehenden Regelungen zum Urheberrecht und Datenschutz (wie ich kürzlich auf jener hier erwähnten Veranstaltung erfahren durfte).

Anmerkungen zum Urheberrecht
Beim Urheberrecht handelt es sich um eine Art Vermittlungsversuch zwischen dem Interesse an freiem Informationszugang auf der einen Seite und dem Interesse am Schutz des (eigenen) geistigen Eigentums auf der anderen. Deshalb darf ich bei meiner eigenen geistigen Leistung (wie z.B. bei diesem Blog-Eintrag, so er eine geistige Leistung wird) bestimmen, wie ihr den verwenden dürft (was ich ja auch über die Creative Commons-Lizenz getan habe). Ohne eine solche darf ich bestimmte geschützte Werke aber trotzdem und ohne Zustimmung desjenigen mit dem Urheberrecht ntutzen, und zwar legal. So z.B. für den eigenen wissenschaftlichen Gebrauch (sozusagen den “Eigenbedarf” 😉 ) (gem. § 53 Abs. 2 Nr. 1 UrhG), ich darf in Maßen zitieren (gem. § 51 UrhG) und dann gibt es ja noch gemeifreie Werke wie z.B. Open Content oder eben entsprechend Creative Commons lizenziertes Material.

Jetzt werden in der Hochschule allerdings nicht nur selbst Geschriebenes (und mit Zitaten versehen) auf eLearning-Plattformen geteilt, sondern eben auch Teile von Büchern als pdf-Dateien hochgeladen. (Früher ging unsereins in die Bibliothek, heute wird’s bequem zur Verfügung gestellt). Das dürfen die Lehrenden ja auch, allerdings nur unter der Bedingung,

dass das so zur Verfügung gestellte Material passwortgeschützt ist
UND
nur für Teilnehmer genau dieser Unterrichtsveranstaltung
UND
unter der Maßgabe, dass die TNs sich verpflichten, die Passwörter nicht an andere weiterzureichen UND
das Material muss direkt zur inhaltlichen Verdeutlichung benutzt werden, also nicht “nur” didaktisch geboten. (Alles in meinen eigenen Worten ausgedrückt, daher wahrscheinlich juristisch ungenau).
ERGO: DIE AUSNAHMEREGELUNG (zur Veranschaulichung im Unterricht gem. § 53 a Abs. 1 Nr. 1 UrhG) LÄSST- sobald man in der Art der Ausnahme Material einsetzen will – EINE ÖFFNUNG VON LEHRE NICHT MEHR ZU!

Anmerkungen zum Datenschutz
Genau wie das Urheberrecht soll auch das Datenschutzrecht vermitteln. Vermitteln zwischen dem Interesse, die Kontrolle über die Nutzung von Daten, die die eigene Person beschreiben (personenbezogen) (z.B. ob und welcher Gewerkschaft ich zugehöre, wie ich’s mit der Religion halte, was meinen Gesundheits- und Geisteszustand betrifft). In die Nutzung solcher Daten soll ich also einwilligen müssen (und diese Einwilligung muss die Frage welche Daten und wofür enthalten), so ich die Nutzung zulassen will.
Das andere Interesse ist der Erkenntnisgewinn.
Das Problem, das man nun hat, wenn man Lehre ins Internet hinein öffnen will, ist, dass sich Studierende mit ihren personenbezogenen Daten bei irgendwelchen Diensten anmelden müssen, z.B. WordPress. Und das “müssen” Sie freiwillig tun. Was mache ich nun mit den Studierenden, die das nicht wollen? Und sie im Grunde aufgrund meiner Lehre zwinge, Dinge ins Internet zu stellen (und das Internet vergisst ja nichts), die sie hinterher evtl. wieder rauskriegen wollen würden, was jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit ohnehin unmöglich sein wird? Ich glaube diese beiden Aspekte sind die Problematischen in Zusammenhang mit Öffnung von Lehre, allerdings wurde Datenschutzrecht nur ganz ganz am Rande während der besagten Veranstaltung gestreift. Weiss es jemand besser, der möge mich via Kommentar belehren.

Das System ändern vs. Regelungen didaktisch unterlaufen
Die Rahmenbedingungen (wie z.B. Urheberrecht) lassen sich nun mal nicht (schnell und mal eben) ändern. Ich halte mich also als Lehrende daran. Über Passwörter und Zugangsbeschränkung stelle ich technisch sicher, dass das Urheberrecht eingehalten wird. Und verzichte auf didaktische Experimente im Internet. Bin ich wagemutiger (und eher in Richtung Öffnung auf dem o.g. Kontinuum verortet), versuche ich technisch zu beeinflussen, dass bestimmte Inhalte nicht über Suchmaschinen aufgefunden werden (können).

Der Gedanke, der mich jedoch im Moment nicht mehr loslassen will, ist derjenige, dass ich mich auf dem Kontinuum ziemlich weit in Richtung Öffnung positionieren könnte, und diese Position über didaktische Art und Weise “sichern” kann. Sozusagen die Regeln, wie sie nun einmal bestehen, nicht brechen, sondern didaktisch unterlaufen.

Jetzt muss ich nur noch rausfinden, wie ich das konkret anstellen kann.