Platz und Rolle von Dissens in Diskursgemeinschaften. Erfahrungssplitter

Eigentlich wollte ich ja was ganz ANDERES machen. Nämlich diese alle Texte lesen, euch kurz zusammenfassen und einen Blogbeitrag drüber schreiben. Sozusagen eine Rezension zu dem Zweck, dass ich mich auch vollständig durchkämpfe.

Bevor ich aber – mit einer mittelgroßen Tasse Kaffe im Schlepptau – daran ging, streifte ich noch ein bisschen durch Input aus gestern, nachdem ich mich ins Bett verzogen hatte, und stieß auf diese Frage von dem @spani3l. MOOC-Texte, ich kann nicht anders, ihr werdet auf das nächste Wochenende verschoben.

„Was ist denn dann die Rolle von Dissens in solchen Diskursgemeinschaften – hat der überhaupt eine Rolle, hat er Platz? Wie geht ihr in euren Diskursgemeinschaften mit Dissidenten, Querdenkern und Leuten, die vielleicht einfach nur anders sind um?“

Tausend kleine Mosaik-Steinchen blitzen vor meinem geistigen Auge auf, wie ich als anders Seiende in einem Diskurs behandelt, oder wie ich einem Querdenker während eines Diskurses begegnet. Nach etwa 2 Stunden draufstarren, formiert sich ein Muster.

Erfahrung 1: Diskursgemeinschaften, wer ist denn Teil einer Diskursgemeinschaft?

Schon gleich in meinem ersten Semester habe ich irgendwie verstanden, dass es sowas wie eine Diskurs-Gemeinschaft gibt, die Teilnahme an dieser/diesen wurde in Seminaren schon eimal eingeübt. Allerdings habe ich es nie (und bis heute) geschafft, wirklich Teil einer solchen universitären Diskursgemeinschaft zu werden, und dies m.E. aus mehreren Gründen.

  • Ich denke zu langsam. Fällt mir die passende gut durchdachte und formulierte Erwiderung auf eine Frage/eine Aussage im Seminar ein, ist die Gruppe schon wieder zwei Gedankengänge weiter. Ich lasse meinen Einwand los und versuche wieder zu folgen.
  • Ich lese zu wenig. Ich kann mich noch sehr gut erinnern, dass ich mir alle Namen und Werke in meinem ersten Seminar aufgelistet habe und mich dann die ersten Semesterferien in Unmengen von pädagogischen Klassikern, Theoretikern und auch die Gedankengänge von Fromm und Freud eingelesen habe. Aber da hatte ich ja auch Zeit und keinen Vollzeit-Job. Ich denke immer noch, man müsse die Literatur, auf die sich jemand bezieht erst mal lesen. Und nachhaken, wenn der oder die einen Begriff benutzt, welche Definition denn genau dahinter steht. (Das kann nämlich nach Fachgebiet und nach „Schule“ höchst unterschiedlich sein).
    [Übrigens habe ich es auch noch nicht geschafft, hier alle Literatur nachzulesen, aber das werde ich noch tun!]

Erfahrung 2: Ich begegne Spok und er betrachtet mich als eine fremde Lebensform

Manchmal während meiner ersten Semester bin ich über meinen Schatten gesprungen und habe einen Satz (selten elaborierter formuliert) aus meiner Erfahrung heraus formuliert. Typische Reaktion der Studierenden: herzhaftes Lachen. Richtig alte Lehrende (meistens Männer) hatten darauf ein süffisantes Lächeln auf den Lippen, starrten mich ein wenig an… und sagten sowas wie „Interessant“. (Was mich immer an Spok erinnerte.)

Beides hat mich nicht gestört. Nein. Im Gegenteil. Ich war eigentlich sehr erfreut, mich eingebracht zu haben.

Erfahrung 3: Sich einem Lager zuschlagen

Manchmal halte ich mir Einwände vom Leib, indem ich auf Durchzug schalte. Dies geschieht insbesondere, wenn ich versuche, eine Vorgehensweise zu umreißen, wie ich vorhabe eine Frage zu beantworten.

Ich:
Also das Material liegt in verschiedenen Formen vor, ich bringe es erst einmal in eine Form, nämlich Text und speise diesen in MAXqda ein. Wenn alles drin ist, habe ich dann ungefähr – wäre der Text ausgedruckt – 23 dicke Ordner Rohmaterial, das es jetzt zu beackern gilt.

Er:
Ja, aber das Rohmaterial ist doch höchstens von 51 Menschen produziert. n=51 ist zu niedrig. Außerdem ist das ganze doch gar nicht  vergleichbar! Das ist doch gar nicht auswertbar. Pass mal auf, … Du schmeißt das besser weg und machst einen Fragebogen, wo man ankreuzen muss. NICHTS schreiben lassen. Das ist des Teufels!

Ich:
Ja. Beantworte Du Deine Fragen und ich meine. Ja. Ich schmeiss das Zeug schon weg, aber verpiss Dich jetzt SOFORT UND LASS MICH IN RUHE, Du quantitatives Biest, Du! 😉

Erfahrung 4: Ein neues Lager begründen

Man kann als Außenseiter natürlich gleich eine ganz neue „Schule“ begrüden. Das haben z.B. m.E. Luhmann (mit seiner Systemtheorie) gemacht, oder auch Oevermann (mit seiner Objektiven Hermeneutik).

Was dazu  notwendig ist?

  • Ein Vorgehen, das erstaunliche Forschungsergebnisse erbringt.
  • Und dann es schaffen, dass Menschen (Wissenschaftler) sich dieses Vorgehen zu eigen machen. Vorteil der Wissenschaftler: Sie können noch weiße Flecken innerhalb eines gesteckten Rahmens beackern und so zu akademischen Weihen gelangen.
  • Am besten nach innen (In-Group) sich zwar gegenseitig herausfordern, aber so, dass man sich gegenseitig fördert. Nach außen einen Feind suchen, der aber auf dem selben Feld spielt. Oevermann z.B. die Tiefenhermeneutik.
  • Man muss vorher jedoch in gewissem Maße im Wissenschafts-System integriert gewesen sein.
  • Und es macht irre viel Arbeit. Luhmann war fleißig (hat viel viel viel geschrieben), Oevermann nicht so viel, aber dafür ist er von charismatischer Persönlichkeit und lebt sein Vorgehen in Forschergruppen vor und aus.

Erfahrung 5: Dissens kontrolliert zulassen und wertschätzen

Das wär‘ natürlich das beste. Soviel Dissens zulassen, wie man vertragen kann und es für das eigene gedankliche Weiterkommen fruchtbar machen. Und das dem Gegenüber auch wertschätzen.

Ergo

  1. Dissens kann ich leichter zulassen, wenn ich fest im Sattel sitze (also mich im Uni-System nicht erst etablieren muss oder ganz unten angesiedelt bin).
  2. Einwände zulassen macht Arbeit. Weil ich muss mich damit auseinandersetzen und ggf. nachlesen.
  3. Einwand muss irgendwie an mein Gedanensystem andockbar sein, sonst nutzt er mir nichts, weil er sich wie aus anderer Welt anfühlt. Ich könnte also nur die Welt wechseln.
  4. Und manchmal muss man den auch aus Zeitgründen abbügeln.

Ich geh‘ lesen. Und wagt euch bloss nicht, mich nochmals so zu inspirieren! 😉

@mons7

 

 

 

#acwri – was ist das? Dennis Fassing im Interview zu akademischem Schreiben in kollaborativ

Lieber Dennis,

Dennis_Fassing

erst einmal meinen herzlichen Dank, dass Du mir für ein Interview zur Verfügung stehst! Das weiss ich sehr zu schätzen!!
Der Anlass dazu ist ja, dass ich kürzlich auf #twitter entdeckt habe, dass Du unter einem mir unbekannten #Hashtag twitterst. Und zwar #acwri.Um was handelt es sich dabei?

Vielen Dank für das Angebot, darüber zu reden.
Den #acwri-Hashtag gibt es meines Wissens schon etwas länger. Er steht für Academic Writing und wird vor allem im Bereich der angloamerikanischen Schreibdidaktik genutzt. Wir haben irgendwann angefangen, ihn ebenfalls zu nutzen, um auch in der (noch jungen) deutschsprachigen Schreibdidaktikszene ein wenig Aufmerksamkeit auf das Schreiben legen zu können. Es gibt davon übrigens einige kleinere Kategorien, wie #acwrigo (Academic Writing Groups Online) und #acwrimo (Academic Writing Month)

Wie bist Du dazu gekommen/darauf gestoßen?

Ich glaube, ich habe den Hashtag das erste Mal bewusst durch Daniel Spielmann (Twitter: @Spani3l) gesehen. Er hat uns einen Social-Media und Digital Literacy Workshop im Schreibzentrum gegeben und dabei mich und andere darauf gebracht, dass das Schreiben und Arbeiten in digitalen Umgebungen sehr vielversprechend sein kann. Es gibt da einen kommunikativen Mehrwert, den man sich erst erarbeiten muss, den man aber nicht mehr missen möchte, sobald man einmal drin ist. Über Daniels Engagement hat sich dann eine kleine Gruppe gebildet, die sich im deutschsprachigen Raum digital vernetzen will. Das haben wir unter anderem über Google Hangouts, eine Google+-Gruppe und über Twitter gemacht. Und da kam dann eben der Hashtag mit ins Spiel.

Wer ist da alles dabei? Kenne ich da noch jemanden?

Zu Beginn waren wir in erster Linie studentische Peer Tutor*innen aus Frankfurt am Main und Hamburg, nach kurzer Zeit kamen dann noch Leute aus Frankfurt/Oder und Hannover hinzu. Wichtige Twitterhandles von aktiven Leuten sind @nora_peters, @linguri90, @BStark4, @saschadieter, @enaira0815 und eben @Spani3l.

Was ist Dein – also Dein ganz ganz persönlicher – Nutzen bei der ganzen Sache?

Mein persönlicher Nutzen ist sowohl eine bessere Kommunikation und die ganzen Mehrwerte, die durch kollaborative Arbeit entstehen. Schreiben (egal in welchem Kontext) kann eine anstrengede Sache sein, sie geht manchmal schwer von der Hand, es fehlt die Motivation. Man hat manchmal einfach keine Lust und kann den inneren Schweinehund nicht besiegen. In der Gruppe fällt es mir leichter, meine Motivation wiederzufinden. Wenn ich laut in Twitter klage, dass im Moment gar nichts geht, melden sich unter dem Hashtag #acwri vielleicht andere Leute und zeigen mir, dass auch sie an einem Samstagabend daheim sitzen und gerade an etwas arbeiten. Das beflügelt mich dann, weiterzumachen, dann will ich auch Ergebnisse vorzeigen – und nicht zwei Stunden später schreiben müssen, dass ich stattdessen den ganzen Abend Promi-Bigbrother geschaut habe.

:)) #ilike witzig bist Du ja auch noch!

Merci 🙂

 Schreiben anstrengend! Ja! Aber bei Dir sieht es so leichtfüßig aus?

Es freut mich, dass das einfach aussieht, aber das ist es nicht – für mich genausowenig wie für viele andere, nehme ich an. Das ist ein ganz wichtiger Aspekt daran, Schreibprozesse unter Hashtags wie #acwri öffentlich zu machen. Wir wollen zeigen, dass das Schreiben ein komplexer Prozess ist, gerade, wenn es, wie in so vielen Kontexten, nicht freiwillig ist. Das Verfassen einer Hausarbeit, eines journalistischen Artikels oder einer Bewerbung sind immer (auch selbstgewählte) Auftragsarbeiten, unsere Performance wird dabei bewertet. Das kann für Schreibende sehr stressig werden, gerade bei akademischen Texten, die eben sehr komplex sind. Es fehlt an der Hochschule (und auch anderswo) ein offener Dialog über das Schreiben, viele lassen sich nicht gerne in die Karten schauen. So bekommen gerade Studierende oft den Eindruck, dass ihre Lehrenden ihre fertigen Texte einfach so in einem Guss runterschreiben. Das kann sie verunsichern, da sie sich die nachvollziehbare Frage stellen, wie sie das nur reproduzieren sollen. Und genau das müssen sie ja gar nicht, Schreiben ist immer ein Lernprozess und darf auch fehlerhaft sein, nur so wird man besser.

Was ist das akademische Schreiben, das Dich gerade umtreibt?

Mein akademisches Schreiben ist im Moment die Vorbereitung zu meiner Dissertation über kollaboratives Schreiben in digitalen Umgebungen und die eventuellen Veränderungen für den Begriff der Autorschaft. Ich bin also auch wissenschaftlich mitten im Thema und benutze diesen Hashtag auch als meine persönliche Spielwiese, zum ausprobieren von Dingen. Je mehr Aktivität stattfindet, umso besser kann das letztlich auch für meine eigene Forschung zu dem Thema sein.

Das heisst, Dein Fachgebiet ist….. Germanistik?

Genau, Germanistik. ich habe in Frankfurt Neuere Deutsche Literatur und Kinder- und Jugendliteratur studiert. Die Arbeit wird aber dennoch eine Arbeit im Bereich der Schreibdidaktik und Schreibforschung, da das meine momentane Anstellung ist. Ich arbeite seit 2009 im Schreibzentrum der Goethe-Universität, habe das im Laufe der Zeit als meine Berufung gefunden und werde auch versuchen, weiter in diesem Gebiet zu arbeiten.

Das heisst, der #Hastag #osgffm ist auch ein Dir ureigener?

Nein, der geht aufs Konto von @linguri90. Er hat mit einer weiteren Kollegin, @enaira0815, die Offene Schreibgruppe der Uni Frankfurt gegründet. Das ist ein Angebot unseres Schreibzentrums, ein Schreibraum, der sich jeden Freitag von 13-19 Uhr in Raum IG 4.413 (? muss ich nochmal nachschauen) trifft.

 

Im Moment kommen dort bis zu zehn Personen und nehmen ‘analog’ teil. Gleichzeitig versuchen wir alle, die Sache durch den Hashtag #osgffm bekannt zu machen und andere Leute (auch digital) ins Boot zu holen. Ich bin zum Beispiel jemand, der sehr gut daheim arbeiten kann, ich brauche meinen eigenen Schreibtisch als ideale Lernumgebung. Daher ist es für mich ideal, dass ich bei der Gruppe via Twitter dabei sein kann, ohne wirklich physisch vor Ort sein zu müssen. Und da es dabei um akademisches Schreiben geht, docken wir es natürlich auch an #acwri an.

Wow! Vielen Dank für das aufschlussreiche Interview… die Informationen … und Deine persönlichen Eindrücke! Da möchte ich mich gerne anschließen und verbleibe bis auf weitere #acwri-Abenteuer!

Vielen Dank für die Chance, es ist sehr spannend, darüber mal zu reden und wir freuen uns natürlich über jeden, der sich uns da anschließen möchte. Je mehr mitmachen, desto besser. Je transparenter Schreiben wird, umso leichter wird es eventuell. 🙂

Thematische Neujustierung – aller guten Dinge sind 3

Ja, ja, ich weiss. Ein wenig MOOC-lastig ist es hier zugegangen in letzter Zeit. Was ja nicht unbedingt schlecht sein muss. So habe ich mich sehr über den Tweet von @empeiria im Rahmen des letzten #edchat gefreut. Den ich ansonsten – so habe ich mir vorgenommen – heute Abend noch nachlesen werde.

 

Trotzdem habe ich zwei andere Bereiche meiner Leidenschaft ein wenig zu kurz kommen lassen. Und das soll sich die nächsten Wochen endgültig ändern.

Noch mehr Leidenschaft(en)

Ich habe nämlich noch ein paar (oder besser Paar 😉 ) mehr Leidenschaften, als das MOOOCen in allen seinen Aspekten. Nämlich

Qualitatives Forschen – in der Theorie und ganz konkret

Das Projekt 2014+ nimmt langsam aber sicher Konturen an. Einzelne Kapitel kristallisieren sich heraus. Und ja, auch hier geht es ums MOOCen, genereller Web-Lernen, aber eben mehr in der reflektierenden wissenschaftlichen Art und Weise. Ein Kapitel wird sich – natürlich – mit dem Stand der Forschung auseinandersetzen. Viel Raum werden aber auch Ausführungen einnehmen,

  • dazu, was qualitatives Forschen eigentlich und überhaupt ist,
  • welche Grundsätze dem qualitativen Forschen zugrunde liegen,
  • welchen Qualitätskriterien qualitatives Forschen sich verpflichtet fühlt,
  • wie qualitatives Forschen konkret aussehen kann und zwar
  • am Beispiel von Experten-Interviews und
  • am Beispiel der Auswertungsmethode der qualitativen Inhaltsanalyse (nach Mayring).

Über tiefergehendere Erkenntnisse dazu möchte ich kleine Beiträge und Videos erstellen, denn nur wer sich erklären kann, hat’s wohl verstanden. Und als ob das alles noch nicht genug, gibt es noch einen dritten Themenkomplex, der mich schon länger und immer wieder beschäftigt.

Alles 😉 ums Weniger ist Mehr

Und dieser Themenkomplex kann ganz verschiedene Aspekte haben, wie z.B.

  • Raum schaffen, Leere (zu)lassen, im direkten (Wohn-)umfeld. (Eigentlich wollte ich hier nur mal stichwortartig aufzählen, und in späteren Posts in die Tiefe gehen, erlaubt mir hier jedoch den Hinweis dass ich nichts davon halte alles wegzuschmeißen. Um diese Leere herzustellen. Zumindest dann nicht, wenn nur temporär, dann doch dies und das wieder angeschafft wird, um dann wieder einen Wegschmeiß-Aktion zu starten.)
  • Weniger Wollen.
  • Minimalistisches Design.
  • Downsizing.
  • u.v.m.

Dies nur als sanfte Warnung, dass es hier demnächst um Mehr gehen wird, als MOOCs, z.B. ums Weniger.

Eure m

 

Und immer und jedes Mal wieder: Der Bezug auf den The NY Times-Artikel

Ja. Ich gebe es zu. Es nervt. (Fast) jeder Vortrag, den ich zu MOOCs höre, fast jede Präsentation, die ich zu MOOCs durchklicke, alles und jedes beginnt mit einem Verweis auf einen Artikel in der The New York Times.

Welcher Artikel?

Es muss wohl der vom 2. November 2012 gewesen sein, mit der Überschrift „The Year of the MOOC“, verfasst von einer Laura Pappano. Hier ist im Übrigen der gesamte Artikel in pdf-Form einzusehen.

Warum nur ein Zeitungsartikel?

Ich versteh’s nicht. Nicht wirklich.

Vielleicht, weil einfach keine geeigneten fundierten wissenschaftlichen Artikel zur Verfügung stehen? Bzw. die zu wenig populär-wissenschaftlich verfasst?

Es mag sein, weil – obwohl Zeitungen aller Orten im Internet ein langsamer bis schnellerer Tod prophezeit – immer noch eine recht hohe Auflage beschert. Ich habe ein bisschen herumrecherchiert… und denke, die Auflage könnte so bei 1,5 Mio. liegen. Wobei bei solchen Zahlen nichts darüber gesagt, wer auch nur die Überschrift, geschweige denn den Artikel nicht nur überfliegt sondern sich tiefer lesend darauf einlässt. Ich denke nur an die Zeiten, als ich noch Zeitung las. Am intensivsten – warum auch immer – beschäftigte ich mich als Kind mit den Todesanzeigen. Später kamen noch die Stellenanzeigen hinzu.

Es muss wohl also die Tatsache sein, die den Verweis so populär sein lässt, dass was über MOOCs in einer altehrwürdigen Zeitung steht (was die Sache an sich wichtig macht). Nehmen wir aber einmal an, an dem Artikel ist mehr interessant, als nur die Auflage und die Überschrift. Was könnte das sein?

Und was steht jetzt drin, in diesem Artikel?

Zunächst werden da die  x-Initiativen der MOOC-Fraktion angezählt. Die da wären edX und Coursera. Weiter unten wird Udacity hineingeworfen. [Nein, verlinke ich nicht, könnt ihr euch aus dem Artikel selber rausklicken.] Kein Wort von Downes und Co. oder vielleicht ganz versteckt in dem Nebensatz „MOOCs have been around for a few years as collaborative techie learning events“. (S. 1) Collaborative techie events. So.

Alsdann kommt die Erklärung, was denn so ein MOOC sei. Und das ist laut dem Artikel Folgendes. Ein Online-Kurs, bei dem der Professor wegen Teilnehmermasse sich nicht um alle kümmern kann, weswegen die Mitstudierenden einander bewerten. Es sollen damit Bildung, Spass und Netzwerken zu eins werden, wobei eine zentrale Rolle die Video-Vorlesung einnehme. Nach diesen Häppchen gebe es in der Regel ein Quiz, das automatisiert korrigiert werde, Betrügereien dabei seien an der Tagesordnung. Reaktionen darauf: beaufsichtigte Prüfungen. Nur ein Bruchteil der Teilnehmer löse auch nur eine erste Aufgabe, wenige bekämen einen Schein, ausgestellt natürlich nicht von einer Elite-Uni, sondern dem jeweiligen Prof., der den Kurs anbiete. (vgl. S. 2)

Hoffnungen auf die heilbringende Wirkung von Bildung für die letzten Ecken der Welt haben sich bisher nicht erfüllt, die Teilnehmer seien doch hauptsächlich Einheimische mit Abschluss. Obwohl abgeschlossen habende Teilnehmer vom Kursniveau angetan waren, fehle es an der Interaktion zwischen Dozent und Teilnehmer – qua Masse. (vgl. S. 3)

Auf die Rolle von Offline-Gruppenbildung wird in wenigen Sätzen eingegangen, ebenso darauf, dass jemand der gut in seiner Fachdisziplin ist nicht unbedingt gut in (MOOC-)Lehre sein muss. (Vgl. S. 4) Auf Seite 5 musste ich mal richtig lachen, weil da ein „vice president for content development“ zitiert wird. 🙂 🙂 🙂 Auf S. 6 geht die Journalistin auf die Problematik von Peer grading (beinahe hatte ich unabsichtlich poor grading getippt 😉 ) ein. Ebenso auf jenes hochschultypische Problem, wie man denn jetzt mit dem MOOCen die Credits zusammenbringe.

Alles schön und gut angerissen. Aber alles eben nur x. Und natürlich – weil Journalistenwerk – ohne Hinweise auf weiterführende und tiefergehende Quellen.

Mein persönlicher Entschluss

Nein, ich nehme mir hiermit für 2014 vor, diesen Artikel NICHT zu zitieren. Und zwar deshalb, weil er – so man ihn mal durchliest – eine Perspektive auf „das Ding MOOC“ wirft, die so gar nicht meine ist.

Falls ich mich jedoch doch mal hinreißen lassen sollte, den Times-Artikel doch noch zu zitieren… na dann kann ich zu den inhaltlichen Details wenigstens flugs hier im Blog nachschlagen.

Auf weitere aufschlussreiche Beiträge und Kommentare hier im Blog im Jahre 2014,

Eure mons7

An einem MOOC teilnehmen, der Idealfall.

IdealsParticipatingAuf den Originaltext hier zugreifen. Mangels eines mich derzeit interessierenden MOOCs, mache ich mir ein paar Gedanken zum MOOCen generell, lese neuere und ältere Veröffentlichungen nach. Ist eine Veröffentlichung einige Jahre alt, wie jene, die ich euch hier vorstellen mag, befällt mich ein nagender Zweifel. Hat sich die MOOC-Welt nicht allzu schnell – zu schnell – entwickelt, als dass Erkenntnisse aus 2010 noch ihre Gültigkeit behalten haben könnten? Nun ja, ohne diese zu überprüfen, wird es immer ein vages Gefühl bleiben.

Um welche Veröffentlichung geht’s eigentlich?

Die Veröffentlichung, die zwischen den Jahren meine Aufmerksamkeit gefesselt hat, ist jene, die sich tatsächlich mit der Teilnahme am ersten MOOC, dem CCK08 beschäftigt. Und zwar mit den Idealen einer Teilnahme, aber auch den Realitäten.

Quelle

Mackness, J.; Mak, S.; Williams, R. (2010): The ideals and reality of participating in a MOOC; in: Proceedings of the 7th International conference on Networked Learning 2010. University of Lancaster, Lancaster, 266-275. URL: http://www.lancaster.ac.uk/fss/organisations/netlc/past/nlc2010/abstracts/PDFs/Mackness.pdf.

Kontext

Die drei Autorinnen waren dabei. Also drei der über 2.200 eingeschriebenen Mitmacherinnen, von den 24 Studierende waren, die Credits wollten,… und von denen letztendlich 150 aktiv in der Diskussion involviert geblieben sind. (vgl. 266) Bei der Untersuchung ging es nun darum die Schlüsselaspekte eines MOOCs konnektivistischer Art mit den Realitäten abzugleichen.

Schlüsselaspekte eines MOOCs konnektivischer Art

Diese Schlüsselaspekte sind (bezogen auf Downes 2007, 2008 und 2009) fünferlei, und zwar

  1. „autonomy“ … was soviel bedeutet, dass Teilgeberinnen selbstbestimmt sind in Aspekten wie… wo sie lernen, wann, wie, was und mit wem. (vgl. 267)
  2. „diversity“ …
  3. „openness“ … was soviel bedeutet wie dass alles was zum Kurs gehört öffentlich und frei im Web verfügbar, aber auch die implizite Erwartung, eigene Beiträge in dieser Form zu Verfügung zu stellen. (vgl. 268)
  4. „connectedness“ …
  5. „interactivity“ …

Methodisches Vorgehen, das zu tun

Es war ein rechter Methodenmix, um zu den Daten zu kommen. Dieser Bestand aus einer Online-Umfrage, dem Suchen im MOODLE-Forum und den Blogs, und dann dem Anmailen von insgesamt über 300 aktiven Teilnehmerinnen, von denen 90 antworteten. (vgl. 269) Und was ist aus diesen eMail-Interviews rausgekommen?

Erkenntnis

Das was an Erkenntnis im Artikel ausgeführt und mit Original-Zitaten belegt, wird vorne im Abstract auf den Punkt gebracht.

„The research found that autonomy, diversity, openness and connectedness/interactivity are indeed characteristics of a MOOC, but that they present paradoxes which are difficult to resolve in an online course. The more autonomous, diverse and open the course, and the more connected the learners the more the potential for their learning to be limited by the lack of structure, support and moderation normally associated with an online course, and the more they seek to engage in traditional groups as opposed to an open netword. These responses constrain the possibility of having the positive experiences of autonomy, diversity, openness and connectedness/interactivity normally expected of an online network.“ (266)

Es lohnt sich im Übrigen – für Interessierte – sich die ausführliche Darstellung dieser Kürzestform zu Gemüte zu führen.

Persönliche Schlussfolgerung?

Ein zuviel an Freiheit, Verschiedenheit, Offenheit ist nur für solche Menschen befreiend und vorteilhaft, die sich selbst schon Strukturen zu lernen angeeignet haben. Für (viele) andere tut Einschränkung (und Anleitung?) (aber in welcher Form?) gut, fraglich ist wie gesagt nur noch, wie man dies am besten tut.

Weitere Quellen

Downes, S. (2007): What connectivism is. URL: http://halfanhour.blogspot.de/2007/02/what-connectivism-is.html
Downes, S. (2008): Connectivism. A Theory of Personal Learning. URL: http://de.slideshare.net/Downes/connectivism-a-theory-of-personal-learning
Downes (2009): Connectivism Dynamics in Communities. URL: http://halfanhour.blogspot.de/2009/02/connectivist-dynamics-in-communities.html

Einen guten Rutsch ins nächste MOOC-Jahr wünscht schon einmal

Eure mons7