Immer wieder ausgehandelt: Nähe und Distanz im Social Web

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Kennt ihr das? Ihr seid irgendwo, seht eine Person, zum ersten Mal. Und dennoch ist Dir die Person vertraut, kennst deren Humor, kleine Blitzlichter aus dessen Leben, Denken, Freuen. Und jedesmal wenn ich so jemanden aus meiner Timeline, den oder die ich mag, erstmals persönlich kennenlerne freue ich mich, dass ich den oder die dann auch „wirklich“ mag.

Warum mag ich (man?) Menschen überhaupt?

Mögen tue ich jemanden, wenn ich mich ihm näher fühle als jemand anderem, näher komme ich jemanden, indem ich etwas über dessen Sein erfahre, indem ich kommuniziere und interagiere. Und das Gegenüber und mich dabei in Ordnung finde. Indem ich Zeit mit jemandem verbringe. Zumindest ist das nonline bei mir so.

Wie aber stellen wir Nähe und Distanz online her? Wie reagiert man auf gefühlte Grenzüberschreitungen, wenn wir keine Möglichkeit haben, unseren Körper einzusetzen? Das finde ich einen äußerst spannende Fragenkomplex, zu dem ich mir in Zukunft ein paar mehr Gedanken (und Beobachtungen) machen möchte. Meine Prämissen zur Entstehung von Nähe (z.B. auf Twitter) online.

Nähe durch reine Rezeption

Allein, dass ich etwas über mein Gegenüber erfahre. Nicht einmal, zweimal, viele Male verteilt auf viele Tweets. Sowohl die Details, die offensichtlich sind, als auch solche, die eben gleichsam nebenbei oder unter der eigentlichen Nachricht liegen, mittransportiert werden.

Nicht nur, wie jemand ist, sondern auch wie sie ißt, lässt sich da (über Kommentare und Links) – und nur als Beispiel hergenommen – erfahren.

Nähe durch Bezugnahme

Jemand antwortet auf einen Tweet. Dabei ist es gleichgültig, ob dabei Übereinstimmung oder das genaue Gegenteil, oder gar eine Ergänzung, eine andere Perspektive eingebracht wird. Es ist das Bezugnehmen, dass jemand meine 140 Zeichen beachtet, gelesen, ja sie so wichtig genommen, dass darauf Bezug genommen. Das aneinander Anknüpften knüpft an dem Bande, das man Beziehung nennt, mit.

Nähe durch Zitieren

Oder re-tweeten. Über die verschiedenen Arten zu re-tweeten, habe mich ja schon an anderer Stelle ausführlich ausgelassen. Nehmen ich nun wahr, dass ich – in welcher Form auch immer – re-tweetet wurde und schaue mir die Art und Weise an, wie der oder die dies getan hat, so sagt genau das wieder über mein Gegenüber eine ganze Menge aus. Ob er oder sie in diesem Falle mit der gemachten Aussage/dem Tweet übereinstimmt. Oder gerade nicht. Wie er oder sie sich dazu positioniert. Warum genau dieser für mein Gegenüber so interessant, dass der Tweet wiederum an die eigenen Follower weitergegeben wird.

Nähe durch gleiche Interessengebiete

Man dächte ja, man möge Menschen, die ganz andere Hobbies, Leidenschaften, Interessensgebiete haben. Macht man auch. Aber man mag anscheinend noch mehr die, die sich im gleichen Feld bewegen. Warum? Vielleicht, weil man mit diesen „verkürzter“ kommunzieren kann. Vielleicht weil man über diese noch tiefer, weil über noch andere Details ins eigene Interessengebiet eintauchen kann. Vielleicht auch einfach nur, weil man glaubt, wenn sich noch jemand für das Gleiche interessiert, das eigene Themengebiet dadurch „relevanter“ wird?

Und falls jetzt jemand unter euch liest, dessen Interessengebiet Vorgeschriebenes kreuzt, der möge mir seine Gedanken dazu, vielleicht hilfreiche Links und Lektüre schenken, … das würde mich Dir ein ganzes Stück näher bringen 😉 .

 

P.S.:

Die Kunst des Re-Tweetens

Gestern habe ich es getan. Und vorgestern sogar mehrmals. Nun ja, es passiert manchmal halt einfach so. Man ist unterwegs, liest einen einfach guten Tweet … der Finger zuckt, getan. Spontan.  Auf diese kleinen unauffälligen Pfeilchen „getoucht“… und schwupps (oder #fupp heisst es zurzeit?) … „Der Tweet wurde an Deine xy Follower re-tweetet“ [aus dem Gedächtnis zitiert; überprüfen!]… so oder so ähnlich textet Twitter einem als automatisierte Antwort entgegen. Entspannt lehnt man sich zurück, schaut sich den Tweet gleichsam als Wiederholung in der eigenen Timeline an. So einfach, … eine kleine Berührung. Das war nicht immer so.

Die Technik des Re-Tweetens – früher und heute
Das Re-Tweeten ist keine – wie man gern glauben möchte – Erfindung von Twitter. Sondern vielmehr eine sich entwickelt habende Praxis seiner Nutzer. Wenn man einen Tweet – in Gänze oder zum Teil – wiederholen wollte/will, so
1) kopiert man den fraglichen Text
2) Antwortet auf das Original, so dass ein @-Username erscheint
3) setzt ein RT (für Re-Tweet) davor
4) fügt den fraglichen Text wieder ein [hier könnte jetzt Schluss sein] 5) und gibt evtl. noch seinen eigenen „Senf“ dazu.

Mit Twitter verhält es sich also offensichtlich wie mit allem in unserem Leben: Es wird komfortabler, aber dadurch auch komplexer. (Will meinen, so einfach es ist, auf den Re-Tweet Button zu drücken, der die oben genannten 4-5 Schritte (sozialer Prozess, der angeeignet werden musste) ersetzt, so überfüllter und unübersichtlicher mit noch und noch einer Funktion erscheint die Plattform nach und nach für die Neueinsteigerin.)

Re-Tweeten, was ist das überhaupt
Spätestens jetzt wissen wir zwar, wie es geht, dieses Re-Tweeten, aber was machen wir da überhaupt? Welchen Sinn soll das haben, wenn man ein RT davorsetzt oder auf die dunkelroten Pfeilchen drückt?
Im Grunde betreibt man das gute alte Zitieren. Auf die Pfeilchen zu drücken bzw. das Original unverändert zu lassen vergleichbar mit dem wörtlichen Zitieren, mit Senf garniert eher dem „vgl.“/Paraphrasieren/in den eigenen Kontext stellen angelehnt. „The Art of Re-Tweeting“ ist also eine Kunst des angemessenen Zitierens.

Der unterschätzte Re-Tweet
Retweets werden, wenn z.B. Tweets zu einer Veranstaltung oder zu einem bestimmten #Hashtag ausgewertet werden, aus den Datensätzen für wissenschaftliche Untersuchungen zumeist rausgenommen. [Hier noch Beispiele einfügen.] Das finde ich nicht richtig. Obwohl es die Auswertung der Daten natürlich um einiges einfacher macht. Nicht richtig finde ich es, da – wie oben dargestellt – Re-Tweet nicht gleich Re-Tweet ist,… und das Re-Tweeten aus Gründen geschieht, oft auch mit Folgen.

Re-Tweeten – von Gründen und Folgen
Warum re-tweete ich? Frage ich mich gerade im Zug nach Berlin sitzend und an meiner kalt gewordenen Tasse Kaffee nippend. Ich denke etweder, weil ich einen Text in 140 Zeichen (aus welchen Gründen auch immer) bemerkenswert finde. So bemerkenswert, dass ich seine Reichweite zu erhöhen helfen möchte. Oder aber, weil ein Text sich mit einer Thematik befasst, die (wieder aus welchen Gründen auch immer) für mich relevant ist. Und ich mich dazu positionieren möchte.
Als Folge folgen mir gelegentlich die Verfasser, manchmal entwickelt sich auch ein weiter- und tiefergehender Austausch daraus. Zum Beispiel weiter und tiefer im Blog.

Wo ich euch jetzt auch gleich via Twitter hinlocken möchte, damit ihr folgende Frage beantwortet…

Warum re-tweetest DU?

P.S.: Und den Auf-Blog-anlock-Tweet auch schön re-tweeten, ja?